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Die Winterreise der Lydia Vallberg

 

- ein Gespräch mit Bianca di Palma

Almut Irmscher: Bianca, wie haben wir uns eigentlich kennengelernt?
Bianca di Palma: Ich habe Freunde in Italien die Landhäuser haben und du hast eine Agentur, die Landhäuser vermietet. Oder war es bei meinem Romandebut? Hattest du nicht mal eine Kulturinitiative gegründet?
Almut Irmscher: Ach ja, das… vielleicht irgendwann wieder, momentan bin ich genug beschäftigt.
Bianca di Palma: Und du bist viel unterwegs, wie man auf deiner Facebookseite miterlebt.
Almut Irmscher: Ja, ich erlebe gerne etwas… wie du. Immerhin warst du fünfzehn Jahre in Rom und auf Sizilien.
Bianca di Palma: Genau…. da spielt auch der neue Roman.
Almut Irmscher: Darauf komme ich gleich zu sprechen, aber… wo lebst du jetzt?
Bianca di Palma: In Deutschland. Es hat sich wegen der Bücher so ergeben. Ich hatte Lesungen und musste ab und an zu Verlagen. Die Commissario Caselli Sache ist schon länger her. Die Reihe war mit meinem Namen zu stark verhaftet. Seit ein paar Jahren schreibe ich, daher, unter Pseudonym, und das läuft gut. Aber es wurde Zeit, dass ich etwas mache, womit ich mich wirklich identifizieren kann, ohne Kompromisse einzugehen. Von meinem Lektor kommt oft der Satz: „Ändere das, damit der Leser gut durchkommt.“ Meiner Meinung nach, wird der Leser unterschätzt. Er ist durchaus in der Lage auch kompliziertere Zusammenhänge nachzuvollziehen und Freude an der Schönheit einer Passage zu haben, die nicht im Big Brother Container gesagt werden würde. Mich nervt, dass jeder Fernsehmoderator sich quasi entschuldigen muss, wenn er ein Fremdwort benutzt. Alles wird auf Niedrigniveau reduziert, der Quoten wegen… führt zu weit. Ich wollte sagen: mir lag daran einen Roman herauszubringen, hinter dem ich stehe und an dem nichts manipuliert oder fremdgeschrieben ist.
Almut Irmscher: Fremdgeschrieben, das gibt es?
Bianca di Palma: Oh ja… ein Lektor baut gern mal einen guten Satz ein, aber wenn es eine halbe Seite ist, die dir nicht gefällt, dann hast du Pech gehabt.
Almut Irmscher: Hat der Autor denn nicht das letzte Wort bei solchen Entscheidungen?
Bianca di Palma: Selbstverständlich… aber es gibt eine absolute Priorität.
Almut Irmscher:dass der Leser gut durchkommt.
Bianca di Palma: (Nicken, begleitet von der typisch italienischen Handbewegung: Daumen und Zeigefinger zusammen. Die Hand zieht einen waagerechten Strich von rechts nach links.)  
Almut Irmscher: Schwenken wir um. Was ist an Rom so schön, dass du immer wieder darüber schreibst, und nicht etwa… vom Wolfgangsee.
Bianca di Palma:  (Legt den Kopf in den Nacken, lacht verhalten)  Via Condotti, um acht… im Morgenlicht, wenn nur die Kehrmaschinen unterwegs sind. Der Espressoduft, wenn du die Schwingtür zum Greco aufdrückst… 
Almut Irmscher: Also, die berühmte Schwingtür… bei der Viktor, der ehemalige Balletttänzer Schwierigkeiten hat kollisionsfrei durchzukommen? 
Bianca di Palma: um durch die Schwingtür zu kommen, musste Viktor den Stock anheben und sich am Messinggriff festhalten. Wenn gerade dann jemand unbedacht die Tür von innen aufzog, durfte er nicht die Balance verlieren. Solche Momente hasste Viktor.
Almut Irmscher:  Kannst du das ganze Manuskript auswendig?
Bianca di Palma: Natürlich nicht. Nur das eine oder andere… und die Liebesszenen, die habe ich alle noch im Kopf. Viktor magst du nicht oder? Auf Facebook hast du ihn einen selbstherrlichen Misanthropen genannt.
Almut Irmscher: Aber ich habe auch geschrieben, dass er doch irgendwie sympathisch ist!
Bianca di Palma: Also, was jetzt?
Almut Irmscher: Puh… das ist es eben bei deinen Figuren… man liebt sie und man hasst sie. Ich sage das jetzt bewusst plakativ. Deiner Heldin Lydia, etwa, ersparst du auch gar nichts… und sie ist auch nicht gerade der Typ, der nach dem Strohhalm greift, den man ihr hinhält.
Bianca di Palma: So sind wir halt, als Mensch… unvollkommen, trotz göttlichem Funken. Ich denke mir manchmal, wenn ich in einem Coffee-Shop frühstücke, wie unglaublich intensiv wir alle mit unserem Leben beschäftigt sind. Ego, Familie, Beruf Freunde, ein winziger Mikrokosmos, im Vergleich zu dem, was jede Sekunde in der Welt geschieht. Alles hat immense Wichtigkeit, alles muss klappen, wie wir es uns vorstellen. Erfolg, ein toller Partner, optimale Freizeitplanung. Eine kaputte Waschmaschine… und der Alltag wird mörderisch, von wirklich ernsten Situationen will ich hier gar nicht anfangen. Jeder ist ja durch irgendetwas betroffen und an der Grenze der Belastbarkeit. Wir tun unser Bestes, und es reicht trotzdem nicht den Anforderungskatalog unseres Umfelds und unserer Psyche, abzuarbeiten. Er hat den Müll nicht heruntergetragen? „Du respektierst mich nicht, alles bleibt immer an mir hängen!“ - zack Ehekrach. Eine Schulfreundin hat sich deshalb scheiden lassen. Wobei sich die Frage aufdrängt: Wer trägt jetzt den Müll runter? Eben… wäre da nicht netter gewesen, anschließend mit dem Ehemann Essen zu gehen?
Almut Irmscher: Also, deine Einstellung zu Männern ist gewöhnungsbedürftig.
Bianca di Palma: Wieso? (Erhobenes Kinn und Schütteln der Lockenmähne.)
Almut Irmscher: Warst du eigentlich mal verheiratet? Du klingst nicht so. (Räuspern). Pardon, das wird zu persönlich. Reden wir lieber über die Männer im Roman.
Bianca di Palma: Aus Russland stammend, der Held… Serge Prokeniev: Kreativer Juwelier auf der Suche nach einer Frau, religiös, zaudernd, Liebhaber von Rachmaninov, und in der Krise seines Lebens, so hat ihn ein Redakteur beschrieben… treffend, wie ich finde. In seiner Buchrezension hat derselbe Redakteur kein einziges Wort über Salvatore Cospicco verloren. Ich frage mich warum.  
Almut Irmscher: Ja, der italienische Schauspieler, mit dem sexy, weißen Hemd.
Bianca di Palma: Salvatore hat Humor, ist ein feinfühliger Liebhaber und hat einen hehren, sehr männlichen, authentischen Charakter.
Bianca di Palma: Siehst du, schon passiert… (reibt sich die Schläfen.)
Almut Irmscher: Was meinst du?
Bianca di Palma:  Die Lektorenstimme aus dem off, verfolgt mich: Drei Adjektive hintereinander! Das machte Hemingway, ist megaout und veraltet, ändere das… nimm‘ zwei raus, damit der Leser…
Almut Irmscher: …gut durchkommt.
Bianca Palma:  (schnauft.)  
Almut Irmscher: Warte mal… (ordnet ihre Unterlagen, weitgehend lose Blätter.) Hier… bei Thalia nimmt eine Kundin deinen neuen Roman ‚Die Winterreise der Lydia Vallberg‘ in die Handund fragt sich, wie der Klappentext…
Bianca di Palma: übrigens… war ich vor zwei Jahren in Le Grau du Roi… wo der Garten Eden spielt. Ein guter Freund hat mich hingefahren. Eine Uferseite am Kanal, die mit dem Leuchtturm, ist noch intakt. Die andere wurde mit Touristenbuden zugemüllt… da würde er bestimmt nicht mehr hinfahren… Sanary-sur-Mer kannst du auch vergessen, total überlaufen… (atmet durch und sieht auf)… was ist mit dem Klappentext?
Almut Irmscher: (nimmt das Buch, hält es etwas von sich weg und liest von der Rückseite ab.)
“Der Roman kombiniert Motive aus Schuberts Winterreise mit Zitaten von Klaus Maria Branddauer. Sein Appell an das Wagnis der neuen eigenen Interpretation wird als produktive Lebensperspektive gegen das resignative Konzept der Romantik ins Feld geführt.“
Bianca di Palma: Das ist gut.
Almut Irmscher: Die Leserin fragt sich, wie du diesen Anspruch mit der Passage, die sie im Laden überflogen hat, vereinbaren willst. Sie kauft das Buch, interessiert es herauszufinden.
Bianca di Palma: So wie sie auf sein offenes Hemd starrte, hatte er nicht den Eindruck, es sei erforderlich sie langwierig umzustimmen, aber etwas mehr Begeisterung für diese gemeinsame Nacht hätte sie schon zeigen können. Den Satz zitiert sie in ihrer Amazon-Lesermeinung. Ich weiß schon. Oder war es bei www.libri.de? 
Almut Irmscher: Als Resümee ihrer Lektüre schreibt die Leserin (Griff nach der Lesebrille):Di Palma gelingt beides! Unterhaltung und Tiefe! Der Roman ist genial, völlig anders, als das, was man kennt.“ (Legt die Brille weg.) Prima Leserkritik, oder?
Bianca di Palma: Ja, das fand ich auch.
Almut Irmscher: Und wie gehst du mit negativen Stimmen um?
Bianca di Palma: (Zuckt die Schultern.) Nicht jeder mag meinen Stil und manche sind schlicht nur boshaft. Was willst du machen, das ist eben so, alles hat Schattenseiten. Manche Leute sind von vorn herein gefrustet, weil sie wissen, sie könnten etwas auf die Beine stellen, tun es aber nicht, und dann richtet sich ihre Missgunst gegen alle, die ihre Träume verwirklichen und aktiv werden in ihrem Leben. 
Almut Irmscher: Du warst früher Musikerin und später Dolmetscherin. Vermisst du da irgendetwas?
Bianca di Palma: Das Orchester, Kolophoniumgeruch (Anmerkung: wird zum Präparieren des Geigenbogens verwendet), die Proben, die intensive Atmosphäre im Konzertsaal. Von der Zeit als Dolmetscherin, die offiziellen Abendessen, die Hotels, die Politik… und die Erleichterung, wenn ein Kongress zuende war. Ich habe dann ein Taxi genommen, bis zur Piazza di Spagna und bin in die Via Frattina zu Max Mara. Kaschmir tröstet, wenn man erschöpft ist. Die blaue Stunde ist in Rom ideal, wenn es noch nicht ganz dunkel ist und die Geschäfte schon die Lichter anhaben, dann ist das Zentrum in Rom magisch. Dann hat man das Gefühl zu leben und zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Das Gefühl hatte ich schon lange nicht mehr.
Almut Irmscher: Meinst du vorsichtiges Glück? Wie du es in deinem Roman beschreibst?
Bianca di Palma: Nein… richtiges Glück, das Gefühl, wenn alles passt. Vorsichtiges Glück ist, wenn lange vieles schiefläuft und es dir plötzlich einige Momente lang gut geht. Dann hoffst du wieder, alles werde gut. Damals war alles gut.
Almut Irmscher: Jetzt aber raus aus dieser Nostalgieschiene!
Bianca di Palma: Genau, du bist ja Lebenslust pur! Allein deine Wochenend-Tripps, dank Facebook ist man live dabei. Ich, hingegen, überlege mir zehnmal, ob ich irgendwo hingehe und bleibe dann doch meistens zuhause, am Laptop und schreibe.
Almut Irmscher: Ja, jetzt, genieße ich mein Leben! Ich hatte aber auch meine Rückschläge zu verkraften… gewaltige.
Bianca di Palma: Ohne die würde man nie an seinem Charakter arbeiten und etwas dazulernen. Aber manchmal wir es verdammt eng, da braucht man dann jemanden, der einem aus einem Tief herausholt. Für mich war es das Brandauer-Zitat, das die Kern-Aussage meines Romans bildet. Man muss seine Wünsche und Sehnsüchte an das Leben anmelden dürfen. Hätte ich nicht durch Zufall dieses Interview gesehen, wäre ich jetzt woanders. Weißt du, das ist mein Horoskop oder der Schicksalsfaden…
Almut Irmscher: Sozusagen mieses Karma...
Bianca di Palma: Sozusagen… ich habe Saturn am Mond, beide im ersten Haus. Chiron steht daneben, am absteigenden Mondknoten. Für mich sind Gegenwart und Vergangenheit untrennbar. Ich kann das schwer auseinanderhalten oder damit abschließen, wie es so schön heißt. Irgendwie, scheint alles im Knochenmark gespeichert. Ich habe auch keinen Bezug zu Tod. Ich trauere nicht, weil ich es nicht realisiere. Nicht mehr am Leben, 1000 km weit weg, oder sonstwie unerreichbar, das ist für mich das Gleiche. Ich nehme die Schnittstelle Tod nicht richtig wahr. Liebe und Verbundenheit vergehen bei mir nicht, bei Trennung. Ich liebe weiter. Deshalb empfand ich die großen, tragischen Frauengestalten der letzten beiden Jahrhunderte, wie Camille Claudel, Adele Hugo oder Ida Dalser lange Zeit bedrohlich. Als ich jünger war, hatte ich Angst, mir könne dasselbe passieren. Dieser Wahnsinn, diese totale Selbstaufgabe für einen Geliebten in der Nichtakzeptanz des Nichtgeliebtwerdens. Der Tenor von Schuberts Winterreise schließt hier an. Ein in Schmerz gefrorenes Herz, bewahrt die verlorene Liebe des Wanderers… wenn meine Schmerzen schweigen, wer sagt mir dann von ihr. Der Text von Wilhelm Müller ist ein Meisterwerk.
Almut Irmscher: Als Viktor Serge die Winterreise erklärt, erwähnt er, kaum einer wisse, dass Wilhelm Müller, ein Held der griechischen Freiheitskriege war… Byron hat ihm die Show gestohlen!
Bianca di Palma: Richtig. Nun, die Winterreise hat mich über lange Zeit beeinflusst. Ich war vollkommen eins mit dem Wanderer.
Almut Irmscher: Seltsam. Wie gut, das du einen Beruf hast, wo so etwas nicht weiter stört.
Bianca di Palma: Das hast du schön gesagt. Im Ernst… Ratio und Sichselbstnichtsowichtignehmen behalten Oberwasser. Du hast aber auch eine ernste Seite. Du hast gemailt, gegen Ende des Romans seist du zu Tränen gerührt gewesen… ich empfand das als großes Kompliment.
Almut Irmscher: Ja, stimmt auch… es hat mich sehr ergriffen. Ein tolles Buch. Vor allem wegen der Kraft der Sprache, die Du entwickelst. Du schilderst so plastisch, dass man mitten drin steckt. Die dunklen Abgründe ziehen einen natürlich mit, vor allem, wenn sie sich immer tiefer auftun. Dadurch wird es trotz aller Farbe ein sehr düsteres und schwermütiges Buch.
Bianca di Palma: So düster, auch wieder nicht! Es gibt Leute, die rollen sich bei verschiedenen Dialogen auf dem auf dem Boden vor Lachen.
Almut Irmscher: Auf dem Boden?
Bianca di Palma: Na, im übertragenen Sinn. Das Buch ist auch amüsant. Das ist ja, was ich erreichen will. Ich will unterhalten. Der Leser soll alles um sich vergessen, wozu unterschiedliche Faktoren beitragen: Spannung, Gute und Böse, Schmerz, Lachen.    
Almut Irmscher:  Lachen musste ich, als du zugegeben hast, du hättest das Finale umgeschrieben, weil Viktor, ausgerechnet der selbstgerechte Misanthrop, der alle nach seiner Pfeife tanzen lässt…
Bianca di Palma: Sssscht! Du willst doch wohl nicht den Schluss verraten!
Almut Irmscher: Herrje… beinahe!
Bianca di Palma: Ich stopp dich schon. Viktors Charakter ist extrem komplex. Ich sehe ihn zum Beispiel überhaupt nicht als Misanthropen. Ich habe Viktor gern. Er kämpft gegen das Alter an und er hat viel mitgemacht.
Almut Irmscher: Wie, mitgemacht…. er ist doch erfunden… oder?
Bianca di Palma: Sicher, aber die menschlichen Züge, die ich schildere, sind ja echt. Der Leser erhält Einblicke in Viktors Vergangenheit und seine intimsten Gedanken. Er stand früher auf der Bühne, der Krieg, sein Gönner… Viktor fördert junge Künstler und nimmt sich zurück. Das ist alles nicht leicht.
Almut Irmscher: Ah, Viktors Prokoviev-Szene ist wunderbar… wo nimmst du das Fachwissen her? 
Bianca di Palma:  Ich habe mit einem Tänzer am Opernhaus in Mailand einen Espresso getrunken, dabei hat er mir Mercutio erklärt. Die Szene habe ich skizziert und kaum verändert. Dialoge fließen. Alles andere schreibe ich immer wieder um. Eine bekannte Rezensentin hat mir am Telefon gratuliert und mich unverzüglich auf dies und das hingewiesen, unter anderem habe ich wohl zweimal trutzige Mauern geschrieben. Das fand sie absolut unmöglich. Nach 1.30 Minuten mit ihr in der Leitung war ich bereits völlig fertig und habe mit der freien Hand nach einem Stuhl geangelt, vor Anstrengung ihr Stand zu halten, entkräftet. Mit meinen verschüchterten Einwürfen, hmm, aha, jaja… habe ich intellektuell sicher nicht gepunktet. Dann machte sie eine Pause und sagte… mit Ihren Dialogen, können Sie beileibe einen Blumentopf gewinnen! Einen Blumentopf, stell dir vor, was für ein Wort. Ich kenne kaum jemanden, der sich eleganter und gebildeter artikuliert, als sie und dann benutzt sie diesen Ausdruck… meinst du, das ist positiv? Ihre Stimme klang jedenfalls angeregt erfreut.
Almut Irmscher: Doch, doch.
Bianca di Palma: Was ich eigentlich sagen wollte… faszinierend für einen Autor ist, zu sehen, wie die Leute auf seine Figuren reagieren. Das Ganze hat eine tiefenpsychologische Komponente, denn jeder fühlt auf seine Art, nach Charakter, Erfahrung, Bildung und eigener Entwicklung. Bei Lesungen treffe ich Menschen, die mir auf den Kopf zusagen, was sie von einer Figur halten. Sie zeigen mir Ihre Perspektive auf. Die kann ganz anders sein, als meine. Und darum geht es. Menschen zu erreichen, sie anzusprechen, anzuregen… ihnen etwas zu geben, das sie für zwei, drei Stunden, wo immer sie das Buch lesen, in ihr Inneres führt und neue Welten entdecken lässt. Das ist, warum ich das Ganze mache.
Almut Irmscher: Du bist also ziemlich involviert mit deinen Protagonisten?
Bianca di Palma: Ohne sie käme ich nicht zurecht. Es ist gut, einen Serge Prokeniev und Salvatore Cospicco im Leben zu haben.
Almut Irmscher: Im Leben?
Bianca di Palma: Der Schleier zwischen Wirklichkeit, Erinnerung und Erfindung ist hauchdünn.
Almut Irmscher: So, so.
Bianca di Palma: Keine Sorge. Ich hebe nicht ab, mit dem Kopf in den Wolken. Ich habe die Füße fest auf dem Boden. Dafür sorgt schon mein Nebenjob.
Almut Irmscher: Ach, kannst du denn nicht von deinen Büchern leben?
Bianca di Palma: Doch, aber immer nur ein paar Jahre. Zwischendrin kann es knapp werden. Derzeit jobbe ich in einem Servicecenter als Telefonistin. Mein Head-Set erinnert mich an früher. Der Unterschied ist: in der Simultankabine habe ich in Krisengebieten die Helikopterlandeplätze der Hilfstruppen stationieren geholfen. Heute verhelfe ich betuchten Kundinnen zu überteuerter Designerkleidung. Die nervliche Anspannung ist unwesentlich geringer. Wenn die gewünschte Stiefelette nicht gleich lieferbar ist, werden die Damen rasch barsch. Das Team ist eine buntgemischte Gruppe, Zeitarbeiter, Studienabbrecher, Ex-Kommunisten, da falle nicht weiter auf. Das Klima ist gut. Dieser Job sorgt dafür, dass du dein Ego flachhältst und du die Bodenhaftung nicht verlierst. Erfolg steigt leicht zu Kopf und produziert Allüre. Die kann man auch mal ausleben, aber nicht too much. Hier erledigt man eine Dienstleistung und bleibt auf dem Boden der Tatsachen. Der krasse Bezug zur Realität erdet.
Almut Irmscher: Hast du da auch mit Prominenten zu tun?
Bianca di Palma: Eigentlich nicht… doch, neulich habe ich für Rosemarie Fendel einen Retourenaufkleber ausgedruckt. Sie war sehr freundlich.
Almut Irmscher: Kommst du da noch zum Schreiben?
Bianca di Palma: Der neue Roman ist gerade erschienen. Jetzt ist vorrangig die Promotion dran. Nächte sind lang und… Plotüberlegungen stelle ich momentan in der U-Bahn an.
Almut Irmscher: Ausgerechnet dort?
Bianca di Palma: Da kann ich meinen Gedanken nachhängen. Manchmal verpasse ich auszusteigen und fahre zu weit, dann nehme ich eben die nächste Bahn zurück. Pünktlich komme ich trotzdem. Ich bin immer viel zu früh dran. Der alte Konventionalstrafendrill für Musiker und Dolmetscher greift noch. 
Almut Irmscher: Inspirieren dich die Menschen in der U-Bahn?
Bianca di Palma: Ich bin niemand, der sozialkritisch Vorortproblematiken anspricht. Ich schreibe über das, was ich kenne, alles andere wäre vermessen. Aber ich mag die Dualität, die harten Gegensätze, das Doppelleben. Das Leben hat verschiedene Phasen, jede ist auf ihre Weise interessant und bringt dich weiter. Im Callcenter habe ich einiges über Kollegialität gelernt…. das fehlte mir wohl noch. Was letztendlich zählt, ist: Habe ich bewirkt, dass ich und andere, das Beste aus sich herausholen. Und es ist egal, ob man das dienstleistend, intellektuell, oder künstlerisch tut. Etwas konkret für andere tun, ist unabdingbar, um als Mensch und Person Weiterentwicklung zu realisieren. Doch am Wichtigsten ist, was du denkst. Deine Gedanken erschaffen deine Realität.      
Almut Irmscher: Na, fein… wir haben somit künstlerisch, intellektuell den Newsletter gedienstleistet. Ich danke dir für das Gespräch.
Bianca di Palma: Ich dir auch, Almut.

Das Gespräch wurde aufgezeichnet von Almut Irmscher im Oktober 2011

© Sempre Italia GmbH und Bianca di Palma

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