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Die Wiederentdeckung der Schönheit: Der Humanismus der Renaissance
Wir wollen uns hier mit der Wiederbelebung einer geistigen Strömung befassen, die in Italien ihren Anfang nahm und von dort aus ganz Europa beeinflusste, prägte und maßgeblich veränderte: der Humanismus.
Die Idee des Humanismus ist der wichtigste Motor einer bedeutenden Epoche, der Renaissance. In vielen Menschen erwachte im Laufe der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts der Wunsch, sich von den geistigen Idealen der letzten Jahrhunderte abzugrenzen und neue Wege zu gehen. Die Renaissance wurde damit zur Geburtsstunde der Neuzeit und zog einen Schlussstrich unter das Mittelalter. Stattdessen blickten die großen Denker dieser Zeit weiter zurück und entdeckten die Ideale der Antike für sich neu, aus diesem Grund heißt ihre Epoche auch „Renaissance“ – Wiedergeburt. Erst im 16. Jahrhundert fand die Epoche im aufkommenden Barock ihr Ende, nachdem ihre Errungenschaften zur Selbstverständlichkeit geworden waren.
Der erste Humanist, der sich bereits Mitte des 14. Jahrhunderts scharf gegen die scholastische Denkweise seiner mittelalterlich geprägten Zeit stellte, war der Schriftsteller Francesco Petrarca, der den Beginn eines neuen Zeitalters ersehnte. Die logischen Tüfteleien und die düstre spekulative Metaphysik, die unter den Denkern des Spätmittelalters modern geworden waren, lehnte er zu Gunsten einer radikalen Reduzierung auf die reine Tugendlehre ab. In diesem Zusammenhang war seine Bewunderung für den römischen Staatsmann und Denker Cicero ohne Grenzen.
Das Konzept der Humanität – humanitas, die Menschlichkeit – findet seine Wurzeln in den Gedanken des Cicero, der betonte, dass der Mensch sich vom Tier im Wesentlichen durch die Sprache unterscheide. Diese Fähigkeit mache es ihm möglich, mit anderen Menschen zu kommunizieren und durch die Kultivierung und Weiterentwicklung dieser Kommunikation ein immer höheres Niveau zu erreichen, welches ihn moralisch erhebe und seinen vornehmsten Gipfelpunkt in der Philosophie erlange.
Davon ausgehend betrachteten die Humanisten der Renaissance die Fähigkeit zur kultivierten Sprache als mindeste Bedingung, um einer von ihnen zu sein, und weil sie sich auf die Antike zurück besannen, war diese Sprache natürlich Latein. Wer des eleganten, fehlerfreien Lateins in schriftlicher und mündlicher Form nicht fähig war, galt als Barbar. Schon deshalb war das Mittelalter mit seinem eigenwilligen Latein in den Augen der Humanisten disqualifiziert, man akzeptierte ausschließlich das klassische Latein der antiken Denker. Die starke Fixierung auf die alten Texte brachte es mit sich, dass die Humanisten der Renaissance eher Philologen als Philosophen waren, denn sie hielten das Studium der alten Texte für hinlänglich, um Ethik und Tugend zu erkennen. Dadurch, dass sie die Werte der Antike als vorbildlich wiederentdeckten, erregten sie freilich teils heftiges Missfallen unter den Christen ihrer Zeit. Denn sie betrachteten das vorchristliche Götterbild der Antike wertfrei und zogen es durchaus in ihren Grundsatz der Antike als Idealbild mit ein. Für die Humanisten war das Leben nicht länger eine Existenz im irdischen Jammertal, das ewige Leben nach dem Tode erwartend. Nein, bei ihnen stand das Dasein auf Erden im Vordergrund und der lebensbejahende individuelle Mensch wurde rehabilitiert. Werte wie Toleranz, Freiheit des Denkens und Würde des Menschen, Gerechtigkeit, liebenswürdiges Miteinander, Muße, Genuss und vor allem die sorgfältige Pflege und Weiterentwicklung des Verstandes traten in den Vordergrund. Der ideale Humanist ist ein geistreicher, höflicher, unverkrampfter, selbstbewusster und heiterer Mensch, der Freude an geistiger Tätigkeit als Selbstzweck hat, bei dem sich Ernsthaftigkeit mit anmutigem Humor verbindet und der seiner eigenen Rolle mit milder Selbstironie begegnet.
Mit der Rückbesinnung auf die Antike einher ging eine starke Zuwendung zur Schönheit. Die Ästhetik klassischer Formfindung wurde wiederentdeckt und beflügelte nicht nur die Literatur, wo sie in der plastischen Dichtung Giovanni Boccaccios ihren Gipfelpunkt fand, sondern vor allem auch die bildende Kunst. Die Perfek tion natürlicher Formen und natürlicher Schönheit auf einem ästhetisch hohen Niveau wiederzugeben wurde zum Ziel der Künstler dieser Zeit. Mit geradezu wissenschaftlicher Akribie machte sich zum Beispiel Leonardo da Vinci ans Werk und schuf seine Meisterwerke auf der Basis präziser Studien, Experimente, Skizzen, Beobachtungen und mathematisch bestimmter Proportionen. Geradezu lebensecht strahlen die Frauengestalten Botticellis aus den blumig idealisierten Landschaften, die sie umgeben, heraus. Wie verblüffend muss dieser Anblick für Menschen gewesen sein, die bislang nur die minimalistische Sakralmalerei des Mittelalters gewohnt waren! Wie fleischlich real erscheinen die Skulpturen eines Michelangelo, als seien sie soeben in ihrer Bewegung erstarrt. Wie lebensecht blicken die Philosophen der Schule von Athen aus dem Fresko Raffaels auf den Betrachter herab. Auch in der Architektur entwickelte sich durch die Humanisten eine starke Strömung zurück zu klassischen Formgebungen. Der bekannteste Architekt, der von dieser Zeit geprägt wurde, ist Andrea Palladio, dessen Villen und Paläste noch heute die Erhabe nheit der Antike wieder lebendig werden lassen.
Die Keimzelle des Humanismus der Renaissance war Florenz. Und hier hat er seinen bedeutendsten Mäzen gefunden: Lorenzo de Medici, genannt „il Magnifico“, der Prächtige. Seit 1469 stand er an der Spitze der Republik Florenz. Mit großem Nachdruck förderte er, der selbst eine umfassende humanistische Ausbildung genossen hatte, die Wissenschaft und die Kunst. Sehr hilfreich für ihn war, dass er nicht nur großen politischen Einfluss besaß, sondern dank des Vermögens, welches schon sein Großvater mit der Banca dei Medici erwirtschaftet hatte, vor allem auch viel Geld. Zu den Nutznießern seines Mäzenatentums gehörten geniale Künstler wie Sandro Botticelli und Michelangelo Buonarotti, die ohne Lorenzos Unterstützung vielleicht nie so viel erreicht hätten. Lorenzo holte die berühmtesten Lehrmeister der Philosophie, der Philologie und des Rechts nach Florenz und umgab sich mit einem erlesenen Kreis von Dichtern, Künstlern und Philosophen. Er selbst entfaltete eine beachtliche lyrische Aktivität und trug wesentlich dazu bei, die italienische Sprache neben dem Latein in humanistischen Kreisen erstarken zu lassen. Unter ihm erblühte Florenz zur wichtigsten Kunstmetropole der Renaissance. Doch Lorenzo, der stark unter der Gicht gelitten hatte, starb 1492 im Alter von nur 43 Jahren aus ungeklärter Ursache, leider ohne einen kompetenten Nachfolger zu hinterlassen.
Das schon erwähnte Missfallen in Teilen des Klerus gegenüber dem Humanismus nahm mit dessen Aufblühen immer extremere Formen an, die zu heftigen Gegenströmungen führten. Der vernichtendste Gegner des Humanismus in Florenz war der radikale Bußprediger Girolamo Savonarola, dessen Einfluss in den wirren Jahren zwischen 1494 bis 1498 nach Lorenzos Tod und dem Einmarsch der Franzosen unter Karl VIII geradezu verheerend war. Alles ästhetisch-künstlerische erschien Savonarola als Symbol für die Verkommenheit der Menschen. In flammenden Reden brachte er einen Großteil der Florentiner gegen den Luxus der schönen Künste auf. Er hat selbst Sandro Botticelli dazu gebracht, einige seiner eigenen Bilder zu verbrennen. Doch Savonarola überspannte den Bogen und endete selbst auf dem Scheiterhaufen. Letzen Endes fanden sich auch auf kirchlicher Seite Freunde des Humanismus, insbesondere unter den Jesuiten.
Den Humanisten ist zu verdanken, dass die Bedeutung der Bildung mehr und mehr ins öffentliche Bewusstsein eindrang und das Bildungsniveau immer breiterer Bevölkerungsschichten infolge eines erstarkenden Schulwesens stieg. Das neue Bildungsideal wurde insbesondere von Maffeo Vegio, einem der bedeutendsten humanistischen Denker, schriftlich formuliert. Die Qualität des sprachlichen Ausdrucks stieg, bildende Künste, Literatur und Poesie wurden weiterentwickelt und gewannen an Bedeutung. Zahlreiche verschollene Werke der Antike wurden dank der Bemühungen der Humanisten aufgefunden und in ihrem Wert erkannt. Die Altertumswissenschaft mit ihren Zweigen der Philologie, Archäologie und Geschichte entwuchs den Ideen und Idealen der Humanisten der Renaissance. Das Interesse an den griechischen Wurzeln der europäischen Kultur erwachte, zugleich begann man, sich für orientalische Sprachen und Kulturen zu interessieren. Der Humanismus löste eine Bildungs- und Wissenschaftsreform aus, die von Italien ausgehend schnell auf andere europäische Länder übergriff. Schrittweise wurde überall das alte schoastische Schulwesen durch ein humanistisches ersetzt. Wenn auch Mathematik, Naturwissenschaften, Muttersprache und moderne Fremdsprachen bis ins 18. Jahrhundert hinein aufgrund des humanistischen Erbes vernachlässigt wurden, so verdanken wir letztendlich doch den Humanisten der Renaissance die Entstehung einer aufgeklärten Neuzeit, in der wir heute wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit die Chance haben, auf ein ungeheures Wissenspotential zurückzugreifen und uns im Sinne der Humanisten zu entfalten und weiterzuentwickeln.
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