Die tausend Perlen
der Maria Montessori

Wie viele sind Fünf und wie viele sind Fünfhundert? Ist Fünfhundert plus Hundert Hundertundfünf? Ist Fünfhundert Hundert puls Fünf? Ist die Zahl nach Fünfhundert Sechshundert? Zahlen, nur abstrakte Zahlen. In den Kopf des kleinen Mädchens will das nicht hinein.
Die Lehrerin hat die Zahlen immer wieder an die Tafel geschrieben. Jetzt, im 2. Schuljahr, steht der Zahlenraum bis Tausend auf dem Lehrplan. Und wer bis Hundert durchgeblickt hat, der wird doch auch das Rechnen bis Tausend schnallen, oder? Das kann doch nun so schwer nicht sein, warum kapiert die Kleine das denn einfach nicht?
Hör zu Kleine, ich erzähle Dir eine Geschichte. Da war mal eine Frau, die hat sich Gedanken gemacht, wie man Dir helfen kann, Dein Problem zu lösen. Und sie hatte eine tolle Idee. Sie hat sich überlegt, dass nur einer Dir helfen kann, nämlich Du selbst.
Nun weißt Du nicht, wie Du das machen sollst, und deshalb brauchst Du jemanden, der Dir dabei hilft, das herauszufinden, und Du brauchst etwas, das Du zu Hilfe nehmen kannst, um es herauszufinden. Das klingt schwieriger, als es eigentlich ist. Die Frau, sie hieß übrigens Maria, hätte Dir eine Perle in die Hand gegeben. Die Perle hättest Du genau befühlen können, rund und kühl hätte sie in Deiner Hand gelegen, und Du hättest sie spielerisch von einer Hand in die andere gleiten lassen können.
Dann hätte sie Dir noch mehr Perlen gegeben, diese aber wären mit Draht miteinander verbunden gewesen. Erst einmal zehn Perlen an einem Draht. Dann zehn Schnüre mit je zehn Perlen an einem Draht. Und schließlich einen Würfel mit hundert solchen Drahtschnüren. Ganze tausend Perlen, hätte sie Dir gesagt! Dann hätte sie Dich damit allein gelassen, und Du hättest Dir die Perlendrähte in Ruhe ansehen können. Du hättest sie anfassen können. Die zehn Perlen an einem Draht hättest Du mühelos abzählen können. Dann hättest Du zehn von den Perlendrähten nebeneinandergelegt und gesehen, dass Du hundert Perlen hast. Und dann hättest Du den Würfel auseinandergenommen und es wäre ein heilloses Chaos gewesen. Aber Du hättest langsam begriffen, was der Unterschied zwischen Zehn, Hundert und Tausend ist. Das hättest Du ganz alleine herausgefunden, denn greifen führt zu be-greifen. Und durch die Gegenstände, die Perlen, die Du sehen und fühlen konntest, hättest Du gelernt, was die abstrakten
Zahlen bedeuten.
Maria Montessori wurde vor mehr als 140 Jahren in einem kleinen Dorf in Italien geboren. Ihre Eltern waren wohlangesehene Bürger und ermöglichten der kleinen Maria eine gute Schulausbildung. Aber Maria war etwas Besonderes, sie war sehr ehrgeizig, eigensinnig und strebte mit aller Macht nach Wissen. Damals war es für Frauen noch ganz unüblich, zu studieren, aber Maria hatte sich in den Kopf gesetzt, Ärztin zu werden. Das ging zunächst nicht, denn Frauen waren für das Medizinstudium nicht zugelassen. Maria studierte deshalb erst Mathematik und Ingenieurwissenschaften und war so gut, dass sie schließlich doch zum Medizinstudium zugelassen wurde. Hier war sie die einzige Frau und wurde von ihren Kommilitonen und den Professoren gehörig gemobbt. Sie durfte zum Beispiel nicht mit den männlichen Studenten zusammen in der Anatomie arbeiten, deshalb musste sie das nachts, wenn alle weg waren, ganz alleine tun.
Aber Maria war zäh, sie beendete ihr Studium erfolgreich. Sie war die erste Ärztin Italiens und eine der ersten voll ausgebildeten Medizinerinnen weltweit überhaupt. Nebenbei hatte sie in der Psychiatrie gejobbt und war hier mit geistig behinderten Kindern zusammen gekommen. Sie beobachtete die Kinder sehr genau und machte sich Gedanken, wie man ihnen helfen könnte. Ihr kam die Idee, den Kindern Sinnesmaterialien zur Verfügung zu stellen, also Dinge, die sie befühlen, ansehen und ausprobieren konnten, und sie war erstaunt, wie schnell die Kinder damit Fortschritte machten. Viele Kinder entwickelten sich so rasch weiter, dass sie nach kurzer Zeit die normale Schule besuchen konnten.
Zur damaligen Zeit hatte man sich noch nicht so viele Gedanken darüber gemacht, wie man Kinder gezielt und individuell fördern könnte. Kinder, denen das strikte Lernen nicht so lag, und die niemanden hatten, der ihnen helfen konnte, blieben eben auf der Strecke. Maria Montessori hatte dieses Problem erkannt und es lag ihr sehr am Herzen, hier einzugreifen. Sie studierte noch Anthropologie und Psychologie, hielt engagierte Vorträge, und so wurde auch die Politik auf die junge Wissenschaftlerin aufmerksam. 1907 übertrug man ihr ein Kinderhaus in einem Armenviertel von Rom, das zur Aufnahme von verwahrlosten Kindern aus der Unterschicht diente. Die Fortschritte, die sie hier erzielte, waren so phänomenal, dass das Modell des Kinderhauses bald Schule machte.
Ihr erzieherisches Prinzip fußt im Wesentlichen auf drei Säulen. Das sind zum einen die von ihr selbst entwickelten Materialien, die sie den Kindern zur Verfügung stellt. Dazu kommen
gewisse Regeln wie eine peinliche Ordnung und Sauberkeit, gemeinsame Ruhezeiten und Mahlzeiten, die den Kindern vermitteln, dass sie Teil einer Gemeinschaft sind, die gegenseitige Aufmerksamkeit und Rücksichtnahme verlangt. Der dritte Punkt ist die größtmögliche Zurückhaltung der Erzieher. Sie sollen zwar die Kinder genau beobachten und den Kindern Anregungen geben, wenn sie bemerken, dass die Kinder sich mit etwas auseinandersetzen wollen. Sie sollen aber nicht belehren und auch keinesfalls Fehler korrigieren, denn die Kinder sollen selbst herausfinden, was es herauszufinden gibt und aus eigenem Antrieb lernen. „Hilf mir, es selbst zu tun“, ist das Leitmotto, und „So viel Freiheit wie möglich, so viele Grenzen wie nötig“.
Die eigenen Kräfte des Kindes sollen geweckt und entwickelt werden, das Kind selbst soll aus sich einen erwachsenen Menschen machen, es formt den späteren Menschen durch Absorption seiner Umwelt. Die Erzieher geben hierzu lediglich Hilfestellung. Das Kind lernt in seinem eigenen, individuellen Tempo und nach seinen eigenen Interessen und Fähigkeiten. Hierzu braucht es in erster Linie Freiheit und die Zeit, Dinge in Ruhe und ohne Störung zu tun.
Die „Kosmische Erziehung“ ist prägendes Motiv der Montessoripädagogik, ein Konzept, das Naturwissenschaft, Religion, Sozialwissenschaft und Moral in sich vereint. In Maria Montessoris Vorstellung, die von einem ihrer Verwandten, einem berühmten Theologen und Professor der Geologie, inspiriert war, ist die Schöpfung nicht abgeschlossen, sondern in einem umfassenden Entwicklungsprozess, dessen Teil ein jedes Individuum ist. Jedes Lebewesen hat demnach eine Aufgabe, die es in diesem „kosmischen Plan“ erfüllen muss. Sich dessen bewusst zu werden, ist Ziel der Montessoripädagogik, darüber hinaus wird mit religiösen Inhalten aber zurückhaltend umgegangen.
Maria Montessori hatte selbst einen Sohn. Tragisch für die engagierte Pädagogin war, dass in der damaligen Zeit ihre Karriere umgehend beendet gewesen wäre, wenn seine Existenz publik geworden wäre, denn Mario war nicht ehelich geboren. Sie gab ihn deshalb heimlich auf dem Land in Pflege und nahm ihn erst zu sich, als er bereits das Pubertätsalter erreicht hatte. Er blieb bei ihr und diente ihr als Sekretär, doch war er auch maßgeblich an der Entwicklung des Entwurfes der „Kosmischen Erziehung“ beteiligt. Erst als er schon über 40 Jahre alt war, bekannte seine Mutter sich öffentlich zu ihm.
Maria Montessori hielt bis zum Zweiten Weltkrieg viele Vortragsreisen durch Europa und machte ihre Pädagogik damit schnell populär. Zwar schlossen die Faschisten und
Nationalsozialisten viele der aufkeimenden Montessorischulen und –kindergärten, doch nach dem Krieg verbreiteten sie sich rasch wieder. Maria Montessori verbrachte die Kriegsjahre in Indien, ihre letzten Jahre lebte sie nach wie vor engagiert und hoch angesehen in den Niederlanden, wo noch heute der Hauptsitz der internationalen Montessorigesellschaft ist.
Für unser kleines Mädchen ist die Geschichte jetzt zu komplex und kompliziert geworden. Sie hat sich abgewendet und setzt sich mit einem Stapel von Zylindern auseinander. Es sind zehn hohle Zylinder aus hellem, poliertem Holz. Alle haben die gleiche Höhe, aber ihr Querschnitt wird immer kleiner. Interessant, was man damit machen kann. Man kann sie alle nebeneinander aufreihen, aber wenn man den kleinsten Zylinder nimmt, kann man ihn auch in den nächstgrößeren hineinstecken, dann verschwindet er einfach darin. Wenn man ihn aber in den größten steckt, dann fällt er wieder heraus. Erst, wenn man alle in der richtigen Reihenfolge ineinander steckt, dann passt es. Es gibt auch noch mehr Zylinder in anderen Formen, mal sehen, was sich damit anstellen lässt!
von Almut Irmscher
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