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Die Schöne vom Esquilin: Kleopatra? - Feuilleton

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Die Schöne vom Esquilin: Kleopatra?

Italien war das Schicksalsland der Frau, mit der wir uns hier befassen wollen. Denn Macht zu haben war für sie das Lebensziel, und Macht lag zu ihren Lebzeiten in den Händen römischer Männer.

Kleopatra VII wurde 69 v. Chr. geboren und regierte Ägypten als letzte der Ptolemäer ab 51 v. Chr. Mit ihrem Bruder hatte sie in heftigem Streit um die Herrschaft gelegen, als Cäsar nach einem Kriegszug Alexandria aufsuchte, um durch ein Machtwort für Ruhe zu sorgen. Eigentlich wäre ihr Bruder, ein politischer Freund Roms, der Mann der Stunde gewesen, doch Kleopatra verfiel auf ihren legendären Trick: Versteckt in einem Wäschesack ließ sie sich in Cäsars Quartier einschmuggeln und bezirzte ihn mit ihren weiblichen Reizen. Der Eindruck, den die schöne Orientalin auf ihn machte, wirkte so nachhaltig, dass er sie zwei Jahre vor seiner Ermordung nach Rom kommen ließ, wo er, obwohl mit einer anderen Frau verheiratet, mit ihr und dem gemeinsamen Sohn zusammenlebte.

Der Skandal, der Rom erschütterte, war es vielleicht, der dafür sorgte, dass Kleopatra wie kaum eine andere Frau als geheimnisumwobene Femme fatale in die Geschichte einging. Zahlreiche Gemälde, Bücher und Filme haben das Thema aufgegriffen und zu einer anrührenden Romanze verklärt. Doch eine neue Theorie sorgt nun für Aufruhr in der Fachwelt und gibt Anlass, darüber nachzudenken, ob der Einfluss der Ägypterin auf den Römer vielleicht größer als gedacht und damit politisch gefährlich gewesen sein könnte.

Professor Bernard Andreae, einer der bedeutendsten klassischen Archäologen unserer Zeit, hat sich die berühmte Statue der "Venus vom Esquilin", die im römischen Konservatorenpalast ausgestellt ist, näher angesehen. Die Statue ist die 50 n. Chr. im Auftrag von Kaiser Claudius geschaffene marmorne Kopie eines älteren Werkes. Sie zeigt eine nur mit Sandalen und einem Haarband bekleidete Schönheit mit akkurater Frisur. Ihr Gewand hat sie lässig über eine Vase geworfen, ihre Gesichtszüge sind entspannt und sie scheint sich wohlig nach dem Bade räkelnd ihr Haar zu richten. Leider hat sie ihre Arme verloren, als die kaiserlichen Gärten auf dem römischen Hügel Esquilin, die sie einst zierte, im Mittelalter verwahrlosten und die Statue umfiel.

Bereits 1955 stellte der Historiker Licinio Glori die Vermutung an, hinter der Statue vom Esquilin könne sich ein Abbild Kleopatras verbergen. Professor Andreae meint nun, in den Zügen der Dargestellten die Gesichtszüge der Kleopatra, von der nur drei gesicherte Portraits erhalten sind, zu erkennen. Das würde sicherlich nicht zu solch heftigen Kontroversen führen, wenn nicht die Art der Darstellung für eine Herrscherin jener Epoche als schlicht indiskutabel gelten würde.

Doch Andreae hat zahlreiche Argumente für seine These zusammengetragen. Tatsächlich ist überliefert, dass Cäsar ein vergoldetes Abbild seiner Geliebten herstellen ließ, das er in einem Venustempel gleich neben der Göttin als dieser ebenbürtig aufstellen ließ. Man kann sich vorstellen, was für eine Aufregung das im antiken Rom verursacht haben mag. Leider ist über diese Statue nichts weiter bekannt, kann es sein, dass die Venus vom Esquilin eine Kopie davon ist?

Schwerlich, sagen die Gegner der These, denn niemals wäre eine ägyptische Herrscherin vollkommen nackt dargestellt worden, schon gar nicht von Cäsar in einer politisch unruhigen Zeit. Den idealisierten Gesichtszügen fehlten zudem charakteristische Merkmale, was darauf hindeute, dass die Statue gar kein Bildnis einer real existierenden Person sei.

Doch zahlreiche Merkmale der Statue lassen anderes vermuten. Da ist zunächst das Haarband, das man in dieser Form nur von den Statuen siegreicher Athleten kennt. Es ist aber auch die Herrscherbinde hellenistischer Königinnen. Die Vase, über der das Gewand liegt, zeigt die Uräusschlange, das Herrschaftssymbol des alten Ägypten, zudem handelt es sich um eine ägyptische Balustervase. Sind dies zufällig angebrachte Dekorationen oder Hinweise auf die Identität der Dargestellten?

Ungewöhnlich für römische Statuen ist auch die Falte oberhalb des Schamhügels. Diese Falte entsteht bei Frauen, die schon ein Kind geboren haben, daher nennt man sie Gebärfalte. Tatsächlich findet sich die Darstellung dieser Falte bei Statuen ägyptischer Göttinnen – und tatsächlich hatte Kleopatra dem Cäsar einen Sohn – Caesarion – geboren. Auch andere anatomische Merkmale der Statue wie die seitlich stehenden, apfelförmigen Brüste und die ungewöhnlich langen, jedoch ungleichmäßigen Zehen lassen durchaus individuelle Merkmale eines realen Vorbildes vermuten.

Warum jedoch sollte die Herrscherin unbekleidet gezeigt werden? Undenkbar ist dies nicht, denn die Ägypter waren weit weniger prüde als die Römer der damaligen Zeit. Bei ihren Auftritten auf Festen, verkleidet als Göttin Isis, beeindruckte Kleopatra durch hautenge, durchsichtige Etuikleider, wie man sie in den gehobenen Kreisen Ägyptens trug. Die Eremitage in Sankt Petersburg zeigt die ägyptische Statue einer Königin, bekleidet mit einem solchen Etuikleid. Viele Fachleute sehen darin ein Abbild der Kleopatra. Das hauchdünne Gewand lässt die Königin fast unbekleidet wirken. Warum sollte Cäsar also seine Geliebte nicht gleich nackt darstellen lassen, zumal derartige Gewänder römischen Bildhauern unbekannt waren? Der Künstler wählte vielleicht daher eine Weise, die ägyptische Elemente mit der römischen Art, die Göttin Venus abzubilden, vermischt.

Gewiss eine ungeheure Provokation. Doch ist die Vorstellung so abwegig, dass die machthungrige Ägypterin den 30 Jahre älteren Cäsar auch deshalb um den Finger gewickelt hatte, um mit ihm gemeinsam ein Machtimperium ungeahnter Größe aufzubauen, dem einst der gemeinsame Sohn vorstehen sollte? Immerhin hatte sie Cäsar auch schon dazu gebracht, die römischen Gesetze soweit ändern zu lassen, dass er sie offiziell heiraten und somit den Sohn zu seinem legitimen Nachfolger machen könnte. Cäsars eigener Machthunger hatte zu umfassenden Änderungen in Rom geführt, kein Wunder, dass seine Gegner den zunehmenden Einfluss der charismatischen Ägypterin nicht gerade mit Wohlwollen betrachteten. Vielleicht war es gerade diese Liaison, die dazu beitrug, dass die Unruhen letztendlich zur Ermordung Cäsars führten.

Damit war Kleopatra zunächst einmal geliefert. Sie brachte sich durch Rückkehr in die Heimat in Sicherheit. In der Folge setzte sie auf Marcus Antonius, der zusammen mit Oktavian und Marcus Aemilius Lepidus nach Cäsaras Tod mit dem 2. Triumvirat die Macht in Rom übernommen hatte. Aus ihrer Beziehung gingen drei Kinder hervor.

Doch der Machthunger eines anderen durchkreuzte die Pläne der Königin. Oktavian, dem späteren Augustus, missfiel der Einfluss der Ägypterin und die Spannungen zwischen den beiden Triumvirn eskalierten in offenem Krieg. In der Schlacht von Actium 31 v. Chr. besiegte Oktavian die Truppen des Antonius, der sich nach Ägypten zurückzog und Selbstmord beging. Kleopatra, 39 Jahre alt und ihrer Hoffnungen beraubt, tat es ihm nach, angeblich, nachdem sie vergeblich versucht hatte, den Oktavian zu verführen. Oktavian ließ alle erreichbaren Bildnisse der Königin vernichten, nur die vergoldete Statue im römischen Venustempel rührte er nicht an. Caesarion ließ er verfolgen und ermorden, denn die Existenz eines leiblichen Kindes des Cäsar erschien ihm zu bedrohlich. Die anderen Kinder der Kleopatra ließ er nach Rom bringen, wo sie von seiner Schwester aufgezogen wurden.

Die römischen Aufzeichnungen der Folgezeit ließen kaum ein gutes Haar an Kleopatra, sodass keine realistische Schilderung ihrer Persönlichkeit – weder äußerlich noch charakterlich – existiert. Umso mehr Mythen haben sich im Laufe der Jahrhunderte um sie gewoben.

Kehren wir zurück zur Statue vom Esquilin und vergleichen wir deren Gesicht mit den Zügen des Portraitkopfes aus der Antikensammlung der Staatlichen Museen zu Berlin, der um 31 v. Chr. entstand. Dabei darf man nicht vergessen, dass die Schöne vom Esquilin eine Mittzwanzigerin zeigt, das Portrait jedoch jenes einer fast Vierzigjährigen ist.

Ob es sich um die gleiche Frau handelt, darüber konnte sich jeder selbst ein Urteil bilden, denn eine Ausstellung in Hamburg zeigte nicht nur die verschiedenen Portraits der Kleopatra, sondern auch zahlreiche Portraits der Persönlichkeiten, die sie umgaben, sowie ihrer Kinder, von denen drei bereits in jungen Jahren starben. Auch die kostbare Statue vom Esquilin wurde nach Hamburg gebracht, wo man sie im Bucerius Kunst Forum bis zum 04.02.2007 selbst mit den erhaltenen Portraits der Ägypterin vergleichen konnte. Und wer das spannende Thema weiter vertiefen will, dem sei das Buch „Kleopatra und die Caesaren“ von Bernard Andreae, erschienen im Hirmer Verlag, empfohlen, das auch als Quelle für diesen Text diente.

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