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Die Legende einer großen Liebe: Romeo und Julia - Feuilleton

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Die Legende einer großen Liebe: Romeo und Julia

Unter dem Bogentor eines alten Palazzo in einer Gasse von Verona drängt sich eine Menschentraube zusammen. Ungeduldig streben sie vorwärts, um in den düstren Durchgang zu gelangen. Bis hoch unter das Gewölbe sind dessen Wände bekritzelt, Graffitis in allen Farben, darüber Zettel derer, die sich auch verewigen wollten, aber keinen Platz mehr fanden, Namen aus aller Herren Länder, Daten aus allen Jahren der vergangenen Jahrzehnte. Und weiter zieht es sie hindurch, bis sich der Himmel über einem Innenhof öffnet, von Grün geziert, und alle Blicke richten sich nach oben: Endlich, dort ist er, der romantischste Balkon der Welt, der Balkon der Julia. „Es war die Nachtigal, und nicht die Lerche“, hier muss es gewesen sein, wo die bedeutungsschweren Worte gesprochen wurden, bevor die dramatische Romanze ihrem tragischen Ende entgegeneilte.

William Shakespeare hat die beiden Liebenden mit seinem Werk unsterblich gemacht und Verona mit den Worten „Es gibt keine Welt außerhalb der Mauern von Verona“ zur Welthauptstadt der Romantik berufen. Und das wahrlich zauberhafte Verona weiß dieses Stigma zu nutzen und den Zauber in bare Münze umzusetzen: Allein 2 Millionen Besucher zieht es Jahr für Jahr zum Balkon der Julia im Herzen der Stadt, nur wenige Schritte von der Piazza delle Erbe, dem „Kräuterplatz“ entfernt. Es ist sogar möglich, sich auf dem Balkon der Julia das Jawort zu geben, das bedeutungsschwangere Spektakel kostet Bürger der Stadt 600 €, alle anderen müssen 800 € berappen. Wen kümmert es vor so viel Poesie, dass der Balkon vermutlich erst 350 Jahre nach der Zeit der Handlung an den Palast angebaut wurde? Denn immerhin war der Palast im 14. Jahrhundert tatsächlich im Besitz einer Familie namens Capuleti – wir erinnern uns, Julia war eine Capulet, und die Capulets lagen in einer erbarmungslosen Familienfehde mit der Familie Montague. Und das tragische Schicksal hatte bestimmt, dass Romeo ein Montague sein sollte…

Liebe auf den ersten Blick hatte das berühmteste Liebespaar der Weltliteratur zusammengeführt. Doch das Glück verweilt nur flüchtig, Romeo gerät in ein Scharmützel, aus dem sich eine handfeste Schlägerei mit zwei bedauerlichen Todesfällen entwickelt. Infolgedessen mit einem Bannspruch belegt bleibt Romeo nur eine einzige Nacht mit der Angebetenen, bei Morgengrauen muss er die Stadt verlassen. Julia, die schleunigst einem den Eltern genehmen Freier angetraut werden soll, sucht Hilfe bei ihrem Bruder, der ihr, voller brüderlichem Verständnis, clever ein Betäubungsmittel einflößt und sie in der Familiengruft versteckt, wo Romeo sie am nächsten Morgen abholen soll. Zwecks Verwirklichung dieses Plans schickt er einen Brief an Romeo, den dieser jedoch leider nie erhält. Stattdessen findet ihre Amme die leblose Julia und Romeo erreicht die Nachricht ihres vermeintlichen Todes. Seelenwund eilt Romeo zur Familiengruft und entleibt sich dort zu Füßen Julias – nicht ohne zuvor deren Bräutigam ins Jenseits befördert zu haben. Postwendend erwacht Julia aus ihrer Katatonie, erkennt das Desaster und opfert sich mithilfe Romeos Schwertes hin. Die beiden Familien Capulet und Montague verbleiben geeint im Schmerz und versöhnen sich angesichts der Erkenntnis der bitteren Konsequenzen ihres sinnlosen Streites.

Soweit die Handlung, die bei aller Dramatik einer gewissen Banalität nicht entbehrt. Doch es ist die einzigartige Kraft der Sprache Shakespeares, der die Charaktere unsterblich machte, der mit Sätzen wie, „My bounty is as boundless as the sea, my love as deep; the more I give to thee the more I have, for both are infinite“, eine dichte Atmosphäre wob, die der Zuneigung zweier Teenager unsterbliche Tiefe einhauchte, die den Menschheitstraum der einen wahren großen Liebe zumindest für eine Weile zu unbedingter Wirklichkeit werden ließ. Die Unausweichlichkeit der schicksalhaften Bestimmung ist die spirituelle Dimension der Geschichte und der tragische, scheinbar überflüssige Tod der Liebenden erst erhebt sie in die Welt des wahrhaft Mystischen.

Ganz ohne jeden Zweifel ist es deshalb William Shakespeare, dem die Geschichte um Romeo und Julia gehört, denn ohne seine dichterische Gabe hätte sie nie die Magie entwickelt, die in ihr liegt und Romeo und Julia wären mehr oder weniger bedeutungslose Gestalten irgendeiner Geschichte geblieben. Denn die Geschichte selbst stammt nicht von Shakespeare. Vermutlich war es Luigi Da Porto, der Anfang des 16. Jahrhunderts in Vicenza lebte, der sie als erster zu Papier brachte. Um das Jahr 1530 veröffentlichte er die Novelle „Historia novallamente ritrovata di due nobili amanti“ – „Neu geschriebene Geschichte von zwei noblen Liebenden“. Ort der Handlung war die damals bedeutende Handelsstadt Verona, die beiden Protagonisten hießen Romeus und Giulietta. Auch die anderen Charaktere der Geschichte, Mercutio, Tybalt, Lorenzo und Paris, erschuf Da Porta. Inspiriert wurde er vermutlich von einer Geschichte, die der Schriftsteller Masuccio Salernitano, der im 15. Jahrhundert in Salerno gelebt hatte, innerhalb einer Sammlung von 50 Novellen veröffentlicht hatte.

Der französische Dichter Pierre Boaistuau übernahm die Geschichte Da Portos unter dem Titel „Rhomeo et Julietta“, die wiederum den englischen Dramatiker Arthur Brooke zu seiner Verserzählung „The tragical History of Romeus and Juliet“ inspirierte. Beide Werke dienten Shakespeare als Grundstein zu seiner Tragödie von Romeo und Julia.

So ernüchternd es sein mag: Romeo und Julia sind Figuren der Weltliteratur, in Wirklichkeit haben sie nie existiert. Doch in den Gassen Veronas mit seinem Flair der Renaissance erwachen die Liebenden zum Leben, hier haben sie der Stadt ihre Spuren eingeprägt, hier sind sie überall präsent. Vom Palazzo der Capuleti, auf dessen Balkon der seine Julia anschmachtende Romeo geklettert und nun mit ihr ins Zimmer entschwunden zu sein scheint, geht es weiter zum Haus von Romeo, dem Palazzo der Montecchi in der Via Arche Scaligere. Zwar kann das Gebäude, dessen Pracht dem Verfall anheim gegeben scheint, nicht von innen besichtigt werden, doch wurden einige seiner Räume dem angrenzenden Ristorante angegliedert. An der Fassade des Hauses erinnert eine Inschrift an die Legende: „Oh! Dov’è Romeo?... Taci, ho perduto me stesso: io non son qui e non son Romeo, Romeo è altrove…” – “Oh! Wo ist Romeo?... Sei still, ich habe mich verloren: Ich bin nicht hier und ich bin nicht Romeo, Romeo ist anderswo…”

Und weiter führt der Weg auf der Suche nach der großen Liebe unweigerlich zu ihrem Ende. In der Via del Pontiere liegt das ehemalige Kapuzinerkloster S. Francesco al Corso. Unten in der Krypta, verborgen im Halbdunkel, steht ein schlichter, leerer Steinsarkophag, in den sehnsuchtsvolle Hände zuweilen eine frische Blume legen oder kleine Briefe, in denen um die Erfüllung von Liebeswünschen gebeten wird: Wir sind am Grab der Julia angekommen, Tomba di Giulietta, einem stillen Ort, den die Touristenströme noch nicht entdeckt haben.

Denn diese drängen sich noch immer in der Via Cappello 27 um die Casa di Giulietta. Nachdem sie ehrfurchtsvoll den Balkon betrachtet haben, senkt sich ihr Blick und trifft auf die bronzene Statue der Julia, die der Bildhauer Nereo Costantini geschaffen hat. Auffallend ist vor allem ihr blankpolierter Busen. Das Rätsel um diesen löst sich schnell, denn wie im Petersdom der Fuß der Bronzestatue des Petrus von Abermillionen Händen berührt, von Abermillionen Mündern geküsst wird, so gilt es hier als unabdingbar, sich neben Julia zu stellen und die Hand auf ihren Busen zu legen, denn das soll Glück bringen. Zudem ist diese Pose eine gute Gelegenheit, sich für die Lieben daheim ablichten zu lassen. Und so stehen sie geduldig an und warten, bis die früher Gekommenen ihr Foto gemacht haben, um sich dann selbst zu der Körper gewordenen Romantik zu stellen, auch wenn sie nur ein Bronzekörper ist und auf ewig Legende bleibt.

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