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Die Geburt des Barock: Caravaggio
Caravaggio war nicht nur der barocke Maler schlechthin sondern auch ein sprichwörtlicher Barockmensch. Nur wenige Künstler haben es wie er geschafft, bereits zu Lebzeiten so viel Aufsehen zu erregen, kaum einer hat die Nachwelt so fasziniert und zu Spekulationen angeregt wie er.
Sein Leben war kurz, aber dramatisch. Nur wenige gesicherte Fakten sind aus seinem Leben bekannt, doch schier endlos ist das Gespinst der Gerüchte und Legenden, das sich um diesen schillernden Exzentriker gewoben hat. So weiß man nicht, ob er 1571 oder erst 1573 geboren wurde, sicher ist nicht einmal, ob er in Mailand, in Bergamo oder im Dorf Caravaggio bei Bergamo geboren wurde. Ob er in Mailand oder in Caravaggio aufgewachsen ist – was Wunder, man weiß es auch nicht. Fest steht aber, dass er auf den Namen Michelangelo Merisi getauft wurde und erst später nach dem Ort Caravaggio seinen Künstlernamen annahm.
Sein Vater war Baumeister des Fürsten von Caravaggio. Bereits im Alter von 5 Jahren verlor Caravaggio seinen Vater durch die Pest, mit 11 Jahren verlor er auch seine Mutter. Der Junge fand Aufnahme in der Werkstatt eines Mailänder Malers, die er jedoch 1588 wieder verlies, um zunächst spurlos zu verschwinden. Vielleicht verbrachte er die nächsten vier Jahre in Venedig, vielleicht in Caravaggio, vielleicht aber auch sonst wo. Fest steht wiederum, dass er 1592 in Rom wieder auftauchte, um sein Glück bei den zur damaligen Zeit boomenden Bauprojekten der Kurie zu versuchen. Eine zeitlang schlug er sich als Gehilfe verschiedener drittklassiger Maler durch. Er besuchte aber auch die Schule eines bekannten Malers, Cavalier d´Arpino, der Wert auf Naturalismus legte und sich dafür interessierte, das Alltägliche in seinen Werken darzustellen.
Caravaggio hatte Glück: Seine Gemälde „Die Wahrsagerin“ und „Der Falschspieler“ erregten das Aufsehen eines Kunstmäzens, des weltgewandten Kardinals Francesco del Monte. Del Monte nahm Caravaggio in seinen Palast auf und dieser war ein gemachter Mann: Nach Aufträgen von del Monte und seinem Kunstfreundekreis, durch die Werke wie „Bacchus“ und „Der Lautenspieler“ entstanden, kamen die ersten Aufträge der Kirche.
Schon diese frühen Bilder zeigen den eigensinnigen Stil, der Caravaggios Werk kennzeichnete, der ihn berühmt machte und dazu führte, dass er später oft imitiert wurde, ja, der die Malerei des Barock maßgeblich beeinflusste. Seine Werke sind entgegen dem zu seiner Zeit vorherrschenden Manierismus von dramatischer Intensität, bisher hatte niemand dermaßen realistisch gemalt. Der Realismus war Caravaggios große Leidenschaft. Dadurch, dass er seine virtuos gemalten Figuren vor dunklen Hintergründen auftreten ließ und auf Landschaften oder Räume im Hintergrund verzichtete, wurde es ihm möglich, Licht und Schatten auf eine einzigartige Art und Weise einzusetzen, die den Gestalten geradezu Leben einhauchte, sie magisch aufleuchten ließ, dramatisch in Szene setzte und häufig unverhohlene Erotik in die Bilder zauberte. Das Licht fällt fast wie ein Scheinwerferspot auf die Gestalten. Noch niemals zuvor hatte ein Maler so gearbeitet.
Der Realismus ist gar oftmals fast bis ins Rigorose gesteigert, was manche Kunstbetrachter zur damaligen Zeit irritierte. Insbesondere seine drastische Art, religiöse Themen darzustellen, erregte Anstoß, war man doch bisher brav geschönte Heilige gewohnt. Rigoros reduzierte Caravaggio seine Darstellungen auf das Existenzielle. Als Modelle für seine religiösen Themen wählte er Menschen aus der (damals noch existierenden) Unterschicht, beispielsweise Bettler, Strichjungen, Prostituierte, die er als Heilige malte – eine Provokation! - und möglichst wirklichkeitsgetreu zeigte. So sind bei der „Rosenkranzmadonna“ die schmutzigen Fußsohlen der knienden Männer zu sehen, zur damaligen Zeit eine Ungeheuerlichkeit. Caravaggio trat alle zu seiner Zeit geltenden Konventionen lustvoll mit Füßen, setzte mit seinen Lichteffekten auch das Hässliche in Szene und betonte mit irritierender Sachlichkeit die Brutalität christlicher Ikonografie.
 All das machte Caravaggio schlagartig berühmt. Man begann, sich um seine Werke zu reißen, sie fehlten in keiner bedeutenden Kunstsammlung seiner Zeit. War ein kirchlicher Auftraggeber empört ob der schonungslosen Darstellung eines religiösen Motivs und lehnte das Bild deshalb ab, so fand sich sofort ein anderer Abnehmer. Caravaggio war im Höhenflug.
Doch Caravaggio war auch ein Hitzkopf. Anderenfalls hätte er vermutlich auch nicht die malerischen Konventionen seiner Zeit derartig revolutionär brechen können, wie er es getan hat.
Sein cholerischer Charakter brachte ihm leider ziemlich viel Ärger ein. Er war ein Raufbold und ein exzessiver Trinker. Er wurde in zahlreiche Skandale, Streitereien und Prozesse verwickelt, sein ausschweifender Lebensstil brachte die Gerüchteküchen zum brodeln. Er sei homosexuell oder bisexuell hieß es, ja gar, er hab eine pädophile Neigung zu Jünglingen, was sich auch in seinem Werk widerspiegle. Modell für seinen „Marientod“, so munkelte ein konkurrierender Maler, sei eine tote Prostituierte gewesen, die man aus dem Tiber gezogen habe.
1606 kommt es schließlich zum Eklat: Caravaggio gerät in einen heftigen Streit mit einem Zockerkumpan und schlägt ihn im Zuge dessen tot. Um der drohenden Todesstrafe zu entgehen, flieht er aus Rom. Von nun an wird er ständig auf der Flucht sein.
Zunächst verschlägt es ihn in die Sabiner Berge, kurz danach nach Neapel. Als es sich herumspricht, dass er in Rom wegen Totschlags gesucht wird, reist er eilends weiter nach Malta. Dort feiert er große Erfolge und wird als Ritter in den Malteserorden aufgenommen. Doch Caravaggio kann nicht aus seiner Haut, er beleidigt einen anderen Ritter und wird verhaftet. Ihm gelingt die Flucht aus dem Gefängnis und er entkommt nach Sizilien. 1609 geht er schließlich wieder nach Neapel zurück, wo er in einer Schlägerei schwer verletzt wird. Läuterung und Vergebung suchend schifft er sich 1610 nach Rom ein. Überall auf den Stationen seiner Odyssee hat er bedeutende Gemälde hinterlassen, diese Werke, entstanden am Tiefpunkt seines Lebens, sind meist düster und melancholisch.
Doch aus der erhofften Begnadigung und Wiederaufnahme in die römische Gesellschaft wird nichts. Am 18. oder 31. Juli 1610 stirbt Caravaggio in Porto Ercole. Die Todesursache bleibt mysteriös: War es ein Fieber, das ihn hinraffte, Folge seiner in Neapel erlittenen Verletzungen oder gar die Malaria? Wurde er von einem seiner zahlreichen Feinde ermordet? Seine Leiche wurde nie gefunden.
Uns bleibt sein Werk. Und erstmals waren Teile davon in einer Ausstellung in Deutschland zu bestaunen: Bis zum 7. Januar 2007 wurden 38 Gemälde im Düsseldorfer „museum kunst palast“ gezeigt. Teilweise ist die Urheberschaft der hochkarätigen Leihgaben umstritten, denn Caravaggio hat nur ein einziges Werk („Die Enthauptung Johannes des Täufers“) jemals signiert, unumstritten zeigen aber alle den eindringlichen Stil, der Caravaggio einst zu seinem Ruhm verhalf. Caravaggio gilt als einer der Begründer der Epoche des Barock. Die von ihm initiierten Neuerungen sollten zu den entscheidenden Eigenschaften der Barockmalerei gehören. Ohne seinen Einfluss ist insbesondere die niederländische Barockmalerei undenkbar. Die Stillleben des italienischen, französischen und niederländischen Frühbarocks, die sich an seinen Stil anlehnen, bezeichnet man als „caravaggesk“. Anklänge an sein Werk findet man bei Rembrandt, Rubens, ter Brugghen, de La Tour, Vermeer oder Velázquez. Ohne ihn hätten Delacroix und Manet anders gemalt. Auch zeitgenössische Maler wie Lohmüller, Csernus oder Nerdrum stellen sich in die Tradition seiner meisterhaften Lichtdramatik. Kaum ein abendländischer Maler hat soviel Einfluss über seine Zeit hinaus gehabt wie Caravaggio.
Dennoch war er schon hundert Jahre nach seinem Tod fast vergessen. Sein drastisches religiöses Werk und seine unfrommen Darstellungen missfielen der barocken Gegenreformation und den Klassizisten. Erst Anfang des vergangenen Jahrhunderts wurde sein Genie wiederentdeckt. Haben Sie Lust auf mehr Caravaggio? Dann empfehlen wir Ihnen das Buch Maler Mörder Mythos, Geschichten zu Caravaggio, eine anlässlich der Düsseldorfer Ausstellung herausgegebene Anthologie mit Kurzgeschichten namhafter Autoren.
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