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Die Erde ist eine Scheibe –

 

Revolution am Sternenhimmel

Es ist Frühling im Jahre 1497. Eine laue Nacht hat sich über Bologna gesenkt, auf einem Balkon sitzen zwei Männer und schauen in die Sterne. Sieh doch, sagt der eine, der ältere der beiden, sieh doch, wo die Venus jetzt steht und denke daran, wo sie letzte Woche stand. Und dann schau dir an, wo der Mars ist. Es kann nicht stimmen. Ptolemäus lag falsch. Die Planeten kreisen nicht um die Erde, der Verlauf ihrer Bahnen passt nicht dazu. Es muss etwas anderes sein, aber was?

Der ältere der beiden, der diese Gedanken formuliert, ist Domenico Maria Novara da Ferrara, er lehrt an der Universität von Bologna Astronomie. Der jüngere ist Nikolaus Kopernikus, der an der Universität von Bologna Kirchenrecht studiert. Es ist eine Zeit des Umbruchs, die Renaissance hat Europa erfasst. Neue Gedanken strömen durch die Köpfe, es ist die Geburtsstunde des Humanismus, Amerika wird entdeckt, Männer wie Leonardo da Vinci oder Michelangelo lassen die Kunst in nie gekannter Schönheit explodieren, Martin Luther wird die Allmacht der Kirche in Frage stellen, überall regen sich kritische Denker und ziehen Althergebrachtes in Zweifel.

Kopernikus ist einer dieser Denker. Die Fragen, die da Ferrara in jener Nacht in Bologna stellt, kreisen weiter in seinem Kopf und werden ihn zeitlebens beschäftigen. Seine vielseitige spätere berufliche Laufbahn verschafft ihm ein gesichertes Einkommen und lässt ihm Zeit, sich auch seinem Hobby, der Astronomie, immer wieder zu widmen. Schon 1509 schreibt er ein Buch darüber und stellt darin die These auf, dass nicht die Erde, wie bisher weitläufig angenommen, sondern die Sonne im Mittelpunkt des Planetensystems steht. Die Planeten, so schreibt er, ziehen in kreisförmigen Bahnen um die Sonne, auch die Erde, womit die scheinbaren Bewegungen der Fixsterne erklärt sind. Leider passen die Bahnen der Planeten nicht ganz zu dieser Theorie, hierfür kündigt Kopernikus mathematische Berechnungen an, die er aber nie vorlegt. Auf die Idee, dass die Bahnen der Planeten nicht kreis- sondern ellipsenförmig verlaufen, ist Kopernikus nämlich nie gekommen. Erst Johannes Keppler wird es gelingen, diesen Beweis für das heliozentrische Weltbild zu führen.

Kopernikus weiß sehr genau, dass seine Theorie auf wackeligen Füßen steht. Deshalb veröffentlicht er sein bahnbrechendes Buch auch lange Zeit nicht. Erst 30 Jahre später, kurz vor seinem Tod, lässt er sich dazu überreden. Die befürchtete große Aufregung in der Fachwelt und der Kirche bleibt aus. Denn schon andere hatten vor ihm die Vermutung geäußert, dass die Sonne im Mittelpunkt stehe und die Erde um sie kreise. Das galt zunächst nicht als Ketzerei, wie man heute glaubt, sondern schlicht als Spinnerei. Denn würde die Erde sich bewegen, so müsse man doch den Fahrtwind spüren!

Und ein weiteres Missverständnis gilt es zu klären: In der etwas kruden Einleitung zu seinem Buch zieht Kopernikus die Theorie von der Erdscheibe heran. Aufgegriffen und weitererzählt entstand so die feste Überzeugung, im Mittelalter habe man die Erde weitläufig für eine Scheibe gehalten. Aber das stimmt überhaupt nicht, die meisten Wissenschaftler des Mittelalters stellten gar nicht in Frage, dass die Erde eine Kugel ist!

Obwohl es nicht seine ureigenste Idee war, so ist Kopernikus doch der erste, der die Sache mit dem heliozentrischen Weltbild mit seiner Schrift in die große Diskussionsrunde wirft. Aber wesentliche Elemente fehlen, um seiner Theorie Schlagkraft zu verleihen. Es fehlen einfach nachvollziehbare Beweise, und diese werden nun andere erbringen, die seine Gedanken aufgreifen.

In Padua lehrt 50 Jahre später ein Professor für Mathematik, dem die Idee des Kopernikus viel schlüssiger erscheint als die des Ptolemäus. Das schreibt er an seinen Kollegen Johannes Keppler. Und voller Wissbegier erkennt er sofort den enormen Nutzen, den die brandneue Erfindung eines Holländers für seine Forschungen bringt: Das Fernrohr! Er, Galileo Galilei, ist einer der ersten, die das Fernrohr zur Beobachtung von Sternen einsetzen. Das ist eine Revolution!

Der Mond hat eine raue Oberfläche, da sind Krater und Hügel! Und nicht nur das: Auch der Jupiter hat Monde! Vier davon entdeckt Galileo, doch damit nicht genug: Die Milchstraße ist keineswegs der Nebel, als der sie mit bloßem Auge betrachtet erscheint. Nein, da sind unzählige, wirklich absolut unzählige Sterne! Diese Endeckungen und seine Zeichnungen der Mondoberfläche veröffentlicht er 1610. Schlagartig ist Galileo berühmt – alle Welt diskutiert aufgeregt die Revolutionen am Sternenhimmel.

Fasziniert von all dem finanziert der Großherzog der Toskana Galileos weitere Forschungen, als Hofmathematiker in Florenz und mit einer Professur in Pisa hat er nun ausgesorgt. Galileo ist in der Fachwelt überall hoch angesehen. Der Ärger beginnt eigentlich erst, als er die Sonnenflecken entdeckt. Erstmals erhebt sich Murren innerhalb der Kirche, die Sonne gilt immerhin als vollkommen, warum sollte sie Flecken haben, die auch noch kommen und gehen? Und dann fängt Galileo auch noch an, davon zu reden, dass die Erde sich um die eigene Achse und um die Sonne drehe – so meint er die Gezeiten erklären zu können (dass dabei der Mond auch eine bedeutende Rolle spielt, fällt erst Isaac Newton ein). Das kopernikanische System war bislang von der Kirche als mathematisches Rechenmodell und bloße Hypothese geduldet worden, mehr aber auch nicht. Flugs schreibt Galileo eine Erklärung, dass sich dieses Modell durchaus mit den Lehren der Kirche und der Bibel vereinbaren lasse. Diese Erklärung wird prompt zu seinen Ungunsten und als Beleg dafür, dass er die Idee des Kopernikus zur Tatsache erheben will, ausgelegt.

Deshalb hält sich Galileo nun erst einmal lieber zurück. Sehr zupass kommt es ihm, dass der Papst ihm gewogen ist und ihn sogar ermuntert, seine Theorien fortzuführen, solange er sie als bloße Hypothese darstelle. Galileo veröffentlicht sein Hauptwerk, den „Dialogo“, doch selbstbewusst verreitet er sich zu einigen polemischen Anmaßungen, mit denen er den Papst gegen sich aufbringt. Das Drama nimmt seinen Lauf, ihm wird von der Inquisition der Prozess gemacht, der mit dem Urteil lebensländliche Kerkerhaft endet – immerhin noch ein gnädiges Urteil angesichts des Scheiterhaufens, der ihn eigentlich erwartet hätte. Die Geschichte hat ihn zu einem Hasardeur verklärt, der beim Hinausgehen aus dem Gerichtssaal frech, „und sie bewegt sich doch“ gesagt haben soll, eine nette Vorstellung genialen Rebellentums, die aber wohl ins Reich der Legende gehört.

Ganz so schlimm wird es für ihn nicht, er wird in der Toskana in durchaus erträglichen Umständen unter Hausarrest gestellt. An seiner These hält er weiter fest, doch akzeptiert er nicht die ellipsenförmigen Planetenbahnen, die sein Brieffreund Keppler vorgeschlagen hat, obwohl diese die Laufbahnen der Planeten wesentlich besser vorhersagen lassen. In einem Vorort von Florenz verbringt er seine letzten Jahre, während derer er erblindet, was an den ungeschützten Sonnenbeobachtungen gelegen haben mag.

Die Kirche jedoch wehrt sich vergeblich gegen die heraufdämmernde Aufklärung. Allerdings soll es noch bis zum November 1992 dauern, bis Galileo von der römisch-katholischen Kirche formell rehabilitiert wird.

Ob in Bologna oder sonst wo auf der Welt – überall beobachten Menschen die Sterne. Pionieren wie Kopernikus und Galileo verdanken wir die Grundsteine unseres heutigen Wissens. Ob die Astronomen, die heute mit gewaltigen Teleskopen den Himmel absuchen, manchmal an Galileo mit seinem selbstgebastelten Fernrohr denken?

von Almut Irmscher
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