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Der Wilde Süden: Die Cowboys der Maremma
Vieles mögen Sie mit Italien verbinden, an eines denken Sie ganz bestimmt nicht: an den Wilden Westen. Und doch, die Vielfalt Italiens hält auch hier eine Überraschung bereit: Echte Cowboys in Europa? Der Italowestern lebt!
Im Süden der Toskana liegt die Maremma, das legendäre Land der Etrusker, eine reizvolle Gegend mit kilometerlangen feinsandigen Stränden, Bergen, endlosen Pinienwäldern, Thermalquellen und Naturparks. Die Landschaft blieb vielerorts wild und ursprünglich erhalten, denn die moskitoreichen Sümpfe machten es schwierig, das Land zu kultivieren. Die ersten Trockenlegungsarbeiten gehen auf die Etrusker zurück, die hier einige Siedlungen gründeten. Fortgesetzt wurden sie in altrömischer Zeit, als bedeutende Entwässerungen die wirtschaftliche Blüte und die Besiedlung einiger Küstengebiete ermöglichten. Nach dem Fall des römischen Reiches verwahrloste und versumpfte das Land erneut. Erst ab 1826 wurden wieder Entwässerungsmaßnahmen vorgenommen, doch bis heute blieben die Sümpfe vielerorts erhalten. So kam es, dass sich hier eine ganz besondere Art der Viehzucht entwickelte: Freilaufende Herden von Rindern und Pferden durchstreifen das Land.
Die Hüter dieser Herden sind die Butteri der Maremma. Das Wort Buttero stammt von dem griechischen Botér, was Viehhüter bedeutet. Als die Maremma noch unter Großgrundbesitzern aufgeteilt war, war es die Aufgabe des Butteri, das freilebende Vieh zu zähmen.
Ihre Pferde heißen Maremmanos, sie sind robust und perfekt an ihre sumpfige Umwelt angepasst. Schon die Etrusker wussten die kleinen, ausdauernden Pferde zu schätzen, die mit Hitze, Mücken, kaltem Wind und Regen umgehen können. Im Laufe der Jahrhunderte mischte sich arabisches und spanisches Blut in die Rasse, heute sind die schönen Rappen und Braunen für Mut, Ausdauer, Vielseitigkeit, Ausgeglichenheit und Menschenfreundlichkeit bekannt. Das Maremmapferd, der unzertrennliche Kamerad des Buttero, zeichnet sich darüber hinaus durch seine besondere Kenntnis des Gebietes aus; es weiß, wo es hingehen muss, welche Wege es nehmen muss, wo die Macchia mehr oder weniger dicht ist und wo der Sumpfboden durchwatet werden kann. Wenn es auf wild lebende Tiere trifft, erschreckt es sie nicht und es bewegt sich so, dass es ihnen keinen Schaden zufügt.
Es gibt heute etwa 5400 Maremmanos, die vom Zuchtverband der Provinz Grosseto betreut werden. Im größten Naturpark der Toskana in Alberese lebt ein großer Teil der Pferde zusammen mit den charakteristischen weißen Rindern, auf die wir gleich zu sprechen kommen, in fast unberührter Natur zusammen mit Windschweinen, Rehen, seltenen Vögeln, ja sogar Wölfen. Das ganze Jahr über kann man hier die halbwilden Pferde beobachten. Wird es ihnen zu heiß und quälen die Mücken sie zu sehr, dann nehmen sie ein Bad im Fluss oder im Meer. Sie leben von dem, was die Natur ihnen bietet, doch ständig überzeugen sich die Butteri vom Wohlergehen ihrer Herden und leisten Hilfe, wo es nötig ist. Jedes Jahr werden Jungtiere eingefangen, die dann als Reittiere ausgebildet werden und mittlerweile auch von Sport- und Freizeitreitern geschätzt werden.
Die langhornigen weißen Rinder der Razza Maremmana, die als eine der letzten reinrassigen Rinderrassen Europas gelten, durchstreifen die Naturparks in großen Herden. Die Rinder wurden traditionell zur Milchproduktion und als Arbeitstiere genutzt, nur einige Zuchtkühe dienten der Kälberzucht und der Schlachtung. Die Industrialisierung der Landwirtschaft schadete der Rinderzucht stark, erst heute besinnt man sich durch die Wiederaufwertung bäuerlicher Kultur und die steigende Qualitätsnachfrage wieder auf die Zucht von bodenständigen Rassen. Denn mit dem Aussterben von alten Rassen gehen auch ihre besonderen Eigenschaften verloren, wie robuste Konstitution, Genügsamkeit, Langlebigkeit, hohe Fruchtbarkeit oder Widerstandsfähigkeit gegen Krankheiten.
Die Butteri, die Cowboys der Maremma, kontrollieren ihre frei lebenden Herden täglich. Diese akzeptieren sie und ihre Pferde als ranghöher. Vor Zweibeinern hingegen hätten sie Angst. Die wild lebenden Herden organisieren sich selbst und haben ihre festen sozialen Regeln, die Stiere leben in Gruppen zusammen, die meiste Zeit des Jahres getrennt von den Kühen. Die Butteri berücksichtigen dies bei ihrer Arbeit. Die Razza Maremmana mit ihren auffälligen Hörnern gleicht der mythischen Kuh der Antike, und sie ist tatsächlich seit den Etruskern hier beheimatet. Heute gibt es noch rund 30 000 Tiere. Sie ernähren sich von dem, was sie auf dem Feld und im Wald finden, zugefüttert wird nur in Zeiten von sehr starkerTrockenheit. Unterstände bieten Schutz bei extremen Witterungsverhältnissen. Das Maremmana-Rind braucht Platz und Freiheit, es könnte in Intensivhaltung nicht überleben.
In den großen Aziende Agricole kann man den legendären Buttero bei seiner Arbeit mit den frei lebenden Rinder- und Pferdeherden beobachten. Eine Hand am Zügel, in der anderen den langen Hirtenstab, den 'Uncino' - seit Jahrhunderten hat sich am lässigen Reitstil der Butteri nichts geändert. Der Uncino dient dazu, die Tiere zu leiten und Gatter zu öffnen. Der typische Hut des Buttero ähnelt den amerikanischen Cowboyhüten, sein typischer Mantel besteht aus mit Leinöl wasserdicht gemachtem Leinen. Zur Zäumung seines Maremmano gehören zwei typische Sättel: die ‚Scafarda', ein modifizierter und äußerst bequemer ehemaliger Militärsattel, konstruiert auf einem hölzernen Sattelbaum, und die etwas einfachere, aber nicht weniger bequeme ‚Bardella'. Der Buttero war immer unersetzbar in der freien maremmanischen Pferde- und Rinderzucht. Auch heute noch ist er das Symbol der gesamten Maremma und Hüter der unzähligen Geheimnisse, die dieser Beruf mit sich bringt.
Der Buttero ist der Urtyp des klassischen "lonesome cowboy", der mit seinem Pferd der wilden und unzugänglichen Natur der Maremma ausgesetzt ist. Für ihre harte Arbeit müssen die Butteri vieles beherrschen: das Zähmen der Maremmanos, die spezielle Reittechnik, das Separieren von Tieren und Eintreiben der Herde, das Kontrollieren und Aussortieren der Kälber.
Der lange Tag des Buttero beginnt schon in der Morgendämmerung, wenn er in der Herde eines der Reitpferde einfängt, um es für die Arbeit zu satteln. Seine wirkliche Arbeit ist das Kontrollieren, Zählen, Treiben und oft auch das Wiedereinfangen der Herde in den Weiten der dichten Macchia der Maremma, die der Buttero kennen muss wie seine Westentasche. Diese Arbeit ist mühsam, jedoch nicht zu vergleichen mit den Zeiten im Jahr, wenn die Pferde fohlen und die Rinder kalben, oder den Tagen der Brandzeichnung am ersten Wochenende im August und dem ersten Zureiten der Pferde. Die Jungtiere, die für das Zureiten bestimmt sind, werden in Gehege getrieben und eines nach dem anderen isoliert. Dann werden sie nacheinander in einen Korridor aus zwei Bretterzäunen gelassen und hier festgehalten, gesattelt und anschließend an einen Pfahl in der Mitte des Geheges gebunden. Nachdem sie ihre Wut über die verlorene Freiheit und ihre Angst mit akrobatischen Sprüngen und Buckeln ausgetobt haben, sind die erfahrensten Butteri an der Reihe. Fast versunken in der Bardella, dem schweren, alten Maremmensattel, beginnen die Butteri den letzten, harten Kampf mit den jungen Pferden, um sie ihrem Willen zu unterwerfen. Mehrfach jährlich finden außerdem noch große Viehtriebe, genannt Transumanza, statt.
Weil das Leben der Butteri hart ist und wenig mit Cowboyromantik zu tun hat, hat ihre Zahl im Laufe der Jahrzehnte beständig abgenommen, auch die Zahl der Herden ging zurück. Einige Butteri jedoch trugen die Tradition fort, heute besuchen Pferde- und Naturliebhaber die Maremma, um ihre Besonderheiten aus eigener Anschauung kennen zu lernen. Die Reiterspiele der Butteri d'alta Maremma vermitteln dem Publikum die alte Tradition. Das waghalsige Carosello, das Spiel der Rose, die Staffel und andere Dressur- und Geschicklichkeitsvorführungen zu Pferd beeindrucken die Zuschauer.
Berühmt ist die Geschichte der Begegnung der Butteri mit einer der Cowboy-Legenden Amerikas: Im Jahre 1890, als Buffalo Bill mit seinen Cowboys auf Tournee in Europa war, wurde er vom Grafen Caetani di Sermoneta gesehen. Dieser hatte die Idee, einen Wettstreit zwischen den amerikanischen Cowboys und den maremmanischen Butteri zu veranstalten. Die maremmanischen Cowboys sollten die Tiere der Amerikaner zähmen und die amerikanischen Cowboys die der Italiener. Der Gewinner sollte als Preis 1000 Lire erhalten, was heute etwa 5000 € entsprechen würde, sowie die Einnahmen der verkauften Eintrittskarten für das Turnier in Rom. Da man aber nicht daran gedacht hatte die Regeln zu bestimmen, gab es am Ende keinen Gewinner. Buffalo Bill floh mit dem gesamten Geld und behauptete später, dass er betrogen worden sei.
Wer die Butteri life erleben möchte, hat dazu Gelegenheit z.B. bei der großen Transumanza Ende September jeden Jahres.
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