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Der rote Priester: Antonio Vivaldi

Italien ist nicht nur reich an Sonne, seinen besonderen Reiz mach auch gerade der unerschöpfliche kulturelle Reichtum aus. Dieser Reichtum ist es, der Italien heraushebt aus der Vielzahl der Urlaubsziele. Hier nun wollen wir uns mit einem der italienischen Meister befassen, die maßgeblich zur Bereicherung der Welt mit Schönheit beigetragen haben: Antonio Lucio Vivaldi.

Es ist dem musikalischen Laien heute kaum bekannt, wie ungeheuer umfassend das Gesamtwerk Vivaldis ist, das aus mehr als 500 Kompositionen besteht. Doch jeder kennt sein berühmtestes Werk, vielleicht die berühmteste Komposition der klassischen Musik überhaupt: Die Vier Jahreszeiten. Dieses Klanggemälde war nicht nur zu seiner Zeit innovativ, es ist derart kraftvoll, ausdrucksstark, heiter, eingängig und unterhaltsam, das es die Jahrhunderte mit ungeminderter Strahlkraft zu überdauern vermochte. Die Musik der Vier Jahreszeiten spiegelt Klänge aus der Natur und dem Leben der Menschen zu den verschiedenen Zeiten. Wer der Musik aufmerksam lauscht, hört sanften Sommerwind, heftige Gewitterstürme, plätschernde Quellen, Vogelgezwitscher und einen bellenden Hund, tanzende Bauern, eine wilde Jagd, knisterndes Kaminfeuer, fröhliches Schlittschuhlaufen oder gar den schweren Schlaf eines Volltrunkenen. Den einzelnen Sätzen der Vier Jahreszeiten stellte Vivaldi zum besseren Verständnis jeweils ein Sonett voran, gemeinsam mit der Musik bilden sie ein atmosphärisches Kompendium ihrer Zeit.

Doch so wertvoll das Schaffen Vivaldis auch war, nach seinem Tod im Jahre 1741 geriet er in Vergessenheit. Die Wiederentdeckung Vivaldis seit dem 19. Jahrhundert führte über den Umweg eines seiner Zeitgenossen, der die Musik Vivaldis ausgiebig studiert und interpretiert hatte: Johann Sebastian Bach, der Mitte des 19. Jahrhunderts durch eine Gesamtauflage seiner Werke wieder modern geworden war. Bedingt hierdurch begann man sich mit seinem italienischen Vorbild zu befassen. So sind zum  Beispiel Bachs Brandenburgische Konzerte eine tiefe Hommage an Vivaldi, der Bachs Musik ganz maßgeblich beeinflusst hat.

Doch wie kam es dazu, dass Vivaldi, der zu Lebzeiten ein hoch gefeierter Popstar war, überhaupt in Vergessenheit geraten konnte?

Furios wie seine Musik war sein Eintritt ins Leben: Vivaldi wurde 1678 in Venedig während eines heftigen Erdbebens geboren. Er war der Erstgeborene von neun Geschwistern. Sein Vater war Barbier, betätigte sich aber auch als Violinist im Orchester des Doms von San Marco. Das musikalische Talent des Sohnes machte sich früh bemerkbar, doch bestanden seine Eltern auf einer priesterlichen Ausbildung. Mit 25 Jahren wurde er zum Priester geweiht, doch war er seiner Hauptaufgabe, dem Singen liturgischer Messen, schon bald nicht mehr gewachsen. Vivaldi litt nämlich zeitlebens an einer chronischen Erkrankung, unbekannt ist, um was es sich dabei handelte. Es mag eine Herzschwäche gewesen sein oder auch Asthma, jedenfalls fehlte ihm die Kraft für stundenlanges Singen.

Mehr Freude bereitete es ihm, die Geige zu spielen. Er übernahm deshalb die Rolle des Geigenlehrers im seiner Kirche angeschlossenen Waisenhaus, dem Ospedale della Pietà für elternlose und uneheliche Mädchen, die er mit großer Leidenschaft unterrichtete. Zur damaligen Zeit wurde gesteigerter Wert auf die musikalische Erziehung der Waisen gelegt, und die musikalischen Gottesdienste der Waisenhäuser gehörten zu den Highlights des europäischen Musikbetriebes. Für seine Zöglinge komponierte Vivaldi venezianisch-lebhafte Stücke, die diese bei wöchentlichen Konzerten vorführten. 12 glückliche Jahre lang ging das so, und Vivaldis charmantes, extrovertiertes Auftreten in Verbindung mit der feurig-fröhlichen Musik machten die kleinen Konzerte, die er selbst dirigierte, schon bald zum hoch begehrten, ja legendären kulturellen Höhepunkt der Lagunenstadt. Vivaldis Musik strotzte vor Vitalität und barocker Expressivität. Sein flammend rotes Haar, das zu seinem überschäumenden Temperament passte, brachte ihm den Spitznamen „Prete Rosso“ – „Roter Priester“ ein. Vivaldi war ein Star geworden.

Vivaldi war sich dessen durchaus bewusst und geschickt schlug er daraus Kapital. Er suchte sich einen Musikverleger im fernen Amsterdam, denn dort boten sich bessere Marketingmöglichkeiten. Hier wurden unter anderem seine Vier Jahreszeiten erstmals verlegt und brachten ihm europaweiten Ruhm ein. Außerdem begann er damit, Opern zu komponieren, angelegt als farbig-prächtige Singspiele, wie sie in der Zeit des Barock so beliebt waren. Er zog Aufträge in ganz Norditalien an Land und überflutete seine Fans mit wahrer Massenproduktion: Für ein Konzert benötigte er nur einen Tag, eine Oper vollendete er in nur einer Woche. Insgesamt rund 50 Opern entstanden auf diese Art (wobei er selbst in einem Brief sogar von 94 Opern sprach), angefangen mit „Ottone in Villa“, die 1713 in Vicenza uraufgeführt wurde. Außer seiner Stelle im Waisenhaus, wo seine Anwesenheitspflicht großzügig reduziert worden war, wurde Vivaldi Impresario des venezianischen Teatro San Angelo. Neben längeren Gastspielen in Mantua und Rom besuchte er zahlreiche europäische Städte, wo er seine Operninszenierungen betreute, und begeisterte auf seinen Tourneen als stupender Geigenvirtuose die Fans.

Der Starrummel um Vivaldi missfiel freilich seinen kirchlichen Vorgesetzten arg. Zudem erregte sein Lebenswandel zunehmend Missfallen: Seine Krankheit diente ihm als Vorwand, eine Krankenschwester zu seiner ständigen Pflege einzustellen und so vom priesterlichen Gebot des Lebens unter Männern abzuweichen. Außerdem verband ihn ein inniges Verhältnis mit der jungen Star-Sopranistin Anna Giraud und deren Schwester, mit denen er sich zunehmend in der Öffentlichkeit zeigte und auch auf Reisen ging. Obgleich ihnen ein Verhältnis nie nachgewiesen werden konnte, brodelte dennoch die Gerüchteküche.

So schlug der Klerus schließlich zu und verbot Vivaldi die musikalische Leitung der Opernfestspiele von Ferrara, begründet mit seinem unkeuschen Lebenswandel. Vivaldi gelang es fortan nicht mehr, sich zu rehabilitieren. Hinzu kam, dass der Massengeschmack sich änderte: Vivaldis barocke Musik war unmodern geworden. Frustriert zog Vivaldi letztlich nach Wien, in der Hoffnung, dort neue Erfolge feiern zu können. Doch der Plan misslang, Erfolge blieben ihm verwehrt. Krank, gebrochen und verarmt starb der einst berühmteste Musiker Europas 1741 in Wien, wo ihm nur ein Armenbegräbnis auf dem Spitaler Gottesacker vor dem Kärntnertor zuteil wurde. Die Welt vergaß Antonio Vivaldi.

Die meisten seiner Kompositionen wurden erst Jahrhunderte später entdeckt und erst heute weiß man die überragende Qualität seiner Arbeiten wirklich zu schätzen. Vivaldi erfand das Solokonzert und führte aus drei Sätzen bestehende Werke in die Musikwelt ein. Es gelang ihm, ein effektives Schema für die flexible Gestaltung ausgedehnter Sätze zu entwickeln. Diese Methode der Satzkonstruktion hatte maßgeblichen Einfluss auf die nachfolgenden Generationen von Komponisten und wirkte in der gesamten europäischen Musik nach. Vivaldi experimentierte außerdem mit Konzerten ohne Solisten und mit Kammerkonzerten. Seit den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts werden auch seine 15 vollständig erhaltenen Opern wiederentdeckt. Ihre üppigen Stoffe stammen fast ausschließlich aus der antiken Mythologie und Geschichte, die Spielstätten reichen geografisch von Mittelamerika über den Vorderen Orient bis hin nach China. Vivaldis umfangreiches kirchenmusikalisches Werk hingegen harrt noch seiner Wiederentdeckung.

von Almut Irmscher
© Sempre Italia GmbH

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