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Der letzte Bohemier: Amedeo Modigliani - Feuilleton

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Der letzte Bohemier: Amedeo Modigliani

Dies ist eine Geschichte, die Stoff für eine ganz große Oper bietet. Boheme und genialische Inspiration, Liebe und explodierende Wut, Schönheit und zerstörerische Krankheit, Eleganz und bittere Armut, Noblesse und Verfall, Drogen, Alkohol und ein tragisches, hochdramatisches Finale.

Amedeo Modigliani war der unumstrittene Beau der schillernden Künstlerszene des Paris der vorletzten Jahrhundertwende, ihr schönster und attraktivster Akteur, umschwärmt von den Frauen. Pablo Picasso nannte ihn den bestgekleideten Mann von Paris, der deutsche Maler Ludwig Meidner gab ihn den Titel des „letzten echten Bohemien“. Umgeben von Malern, Dichtern und Galeristen, Dandys, Aktmodellen, Damen der Gesellschaft, Intellektuellen und Lebenskünstlern lebte Modigliani ein Leben, das ihn als den Prototypen des Bohemiens schlechthin erscheinen lässt. Und dazu, so bitter es auch ist, gehört auch die traurige Tatsache, dass seine Werke, die heute mehrstellige Millionenbeträge erzielen, zu seinen Lebzeiten kaum Anerkennung fanden. Außer weinigen Proteges und Künstlerfreunden erkannte kaum jemand die Klasse des einzigartigen Malstils, den Modigliani entwickelt hatte. Seine Bilder blieben unverkäuflich. Aus Frustration darüber hat er ganze Haufen davon verbrannt, hat Bilder an Freunde verschenkt oder einfach in den Wohnungen zurückgelassen, wenn er ausziehen musste, weil er wieder einmal die Miete nicht bezahlen konnte. Denn Modigliani lebte in tiefer Armut.

Er war das vierte Kind einer jüdischen Unternehmerfamilie aus Livorno, geboren im Jahr 1884. Durch die schlechte wirtschaftliche Situation der damaligen Zeit war der Holz- und Kohlehandel seines Vaters pleite gegangen, seine Mutter baute daraufhin eine Privatschule auf und verdiente Geld mit Übersetzungsarbeiten, denn sie war Französin. Dieser Tatsache verdankte es Modigliani, dass er fließend Französisch sprach, was ihm später in Paris sehr zupass kam. Der kultivierte, weltgewandte Großvater prägte den Heranwachsenden, der in seinem Hause an traditionellen Teegesprächen zu literarischen Themen teilnahm und mit ihm Kunstausstellungen besuchte.

Doch schon mit 11 Jahren erkrankte Modigliani, dessen späteres Leben von Krankheit und Leiden durchzogen sein sollte, erstmals schwer an einer Rippenfellentzündung. Zwar erholte er sich wieder, doch war seine Gesundheit angegriffen, was zur Folge hatte, dass er mit 14 an Typhus erkrankte, einer Krankheit, die damals noch als tödlich galt.

Viele Legenden umwogen das Leben Modiglianis, denn es existieren nur wenige Schriftstücke oder Berichte von Zeitgenossen. Eine der romantischsten dieser Legenden ist, dass der 14jährige Junge im Fieberwahn von seiner Berufung zum Künstler träumte. Als er unglaublicherweise vom Thyphus genas, erlaubten ihm die überglücklichen Eltern, die Schule abzubrechen und eine künstlerische Ausbildung zu beginnen. Er studierte zunächst in Livorno, dann in Florenz, er experimentierte in Carrara mit Marmor und setzte dann sein Studium in Venedig fort. Schwerpunktmäßig beschäftigte er sich während seines Studiums mit der Aktmalerei.

Doch bereits im Jahr 1900 hatte er einen erneuten schweren gesundheitlichen Rückschlag zu verkraften. Noch immer geschwächt von den Vorerkrankungen zog er sich die Tuberkulose zu, eine Krankheit, die ihn fortan begleiten und quälen und die letztlich für seinen frühen Tod verantwortlich sein sollte.

Seit 1907 lebte Modigliani in der schillernden Künstlerszene von Montmartre in Paris. Hier brodelte es unter den jungen Talenten, ein neuer Kunststil jagte den nächsten, die Kreativität explodierte in diesen Tagen. Modigliani verkehrte gemeinsam mit Picasso, Chaim Soutine, Max Jacob und Juan Gris im legendären Café la Rotonde, wo Künstler, Intellektuelle und Revolutionäre aus- und eingingen. Obwohl durch seine Krankheit geschwächt, nahm er nichtsdestotrotz am ausschweifenden Leben der Szene teil. Bereits während der Zeit in Venedig hatte er begonnen, Haschisch zu rauchen, später kam Opium hinzu. Zudem genoss er den Ruf eines gewaltigen Trinkers.

Seine Mutter schickte ihm Geld, wann immer sie es konnte. Doch reichte dies nicht für seinen Lebensunterhalt. In Dr. Alexandre, einem kunstbegeisterten Arzt, fand er einen Mäzen, der seine Arbeiten zu schätzen wusste. Doch widmete er sich ab 1909 ausschließlich der Bildhauerei, in den nächsten vier Jahren entstanden seine archaischen, schlanken Kopfskulpturen. Diese waren noch schwerer verkäuflich als die Gemälde, bedingt durch finanzielle Not und vielleicht auch, weil ihm der Steinstaub gesundheitlich Probleme bereitete, kehrte er wieder zur Malerei zurück.

Modigliani hatte als junger Mann Italien bereist und war geprägt von den Eindrücken der Kunst der klassischen Antike. Beliebt war zu seiner Zeit zudem eine Geschichte aus den Metamorphosen des Ovid: die Geschichte von Pygmalion, der sich in die von ihm erschaffene Statue der Galatea so sehr verliebt, dass diese lebendig wird. Vielleicht erklären sich hieraus die seltsam leeren Augen, die die meisten Portraits Modiglianis kennzeichnen: Blind wie bei den klassischen Statuen wirken die Augen, was den Dargestellten einen eigentümlich hypnotischen Blick verleiht. Die Gesichter und Körper hingegen glühen von intensiven, lebendigen Farben. Seine Portraits zeigen ungeschönte Menschen mit Hautrötungen und Flecken, die minimalistisch gezeichneten, dunkel umrahmten Gesichter lassen die Persönlichkeit und momentane Stimmung der Portraitierten trotz der geringen technischen Mittel klar hervortreten.

Besonderes Kennzeichen der Werke Modiglianis sind aber die schlanken, anmutigen Formen und die überlangen Hälse der Dargestellten. Die Künstlerszene der damaligen Zeit war begeistert von der Kunst Afrikas, vielleicht findet sich hier eine Erklärung für Modiglianis Affinität. Und obwohl Anfang des 20. Jahrhunderts der gerade erfundene Kubismus populär war und Picasso ihn bedrängte, sich diesem Stil anzupassen, blieb Modigliani dem von ihm entwickelten, einzigartigen Stil zeitlebens treu.

Zentrales Thema seiner Werke sind Portraits, vor allem, als er nach der Bildhauerphase zur Malerei zurückkehrte, porträtierte er die anderen Künstler der Pariser Szene und immer wieder seine Lebensgefährtinnen. Außer wenigen Landschaftsbilder malte er daneben in erster Linie Akte. Doch die damalige Zeit war noch sehr prüde. Eine Ausstellung seiner Aktbilder verursachte einen Menschenauflauf, der herbeigerufene Polizist verlange die Entfernung der Akte, eine Aufforderung, der der Galerist flugs nachkam. Leider wirkte der Skandal nicht verkaufsfördernd.

Von 1914 bis 1916 unterhielt Modigliani eine furiose Beziehung zu der in England geborenen südafrikanischen Dichterin und Journalistin Beatrice Hastings, von der er vierzehn Portraits und Akte fertigte. Die Beziehung zu der intelligenten, launenhaften Frau war von heftigen Auseinandersetzungen geprägt, es wird berichtet, dass Modigliani sie mehrfach an den Haaren hinter sich herschleifte. Alkohol und Haschisch bildeten den Rahmen des Beziehungsdramas.

Dann, 1917, begegnete Modigliani der erst 18jährigen Studentin Jeanne Hébuterne, die die Gefährtin seiner letzten Jahre werden sollte. 25 Porträts entstanden von Hébuterne, deren Eltern sie wegen der ungebührlichen Beziehung verstoßen hatten. 1918 wurde die gemeinsame Tochter Jeanne geboren, als das Paar sich auf der Flucht vor der deutschen Invasion in Südfrankreich befand. Als Hébuterne im darauffolgenden Jahr erneut schwanger war, versprach ihr Modigliani schriftlich die Ehe, eine Absicht, die er freilich nicht mehr umsetzen konnte.

Nachdem seine Krankheit sich fortlaufend verschlimmert hatte, starb Modigliani am 24. Januar 1920 in Paris. Am darauffolgenden Tag stürzte sich die hochschwangere Jeanne Hébuterne aus einem Fenster in der 5. Etage. Es heißt, er habe auf dem Sterbebett zu ihr gesagt, sie möge ihm bald nachfolgen, damit er sie im Jenseits malen könne. Sie wurde neben ihm auf dem Pariser Friedhof Pére Lachaise bestattet. Die kleine Tochter Jeanne wuchs bei Modiglianis Schwester in Florenz auf.

Kaum hatte sich dieses Drama ereignet, erkannten die geschäftstüchtigen Galeristen die sich daraus ergebenden Möglichkeiten. Modigilani-Bilder boomten, die Preise schossen in die Höhe. Bereits kurze Zeit nach seinem Tod in Armut und Elend erzielten sie fantastische Preise. Heute gilt er als der bedeutendste italienische Künstler des 20. Jahrhunderts.

Noch bis zum 30. August 2009 zeigt die Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn eine Ausstellung von Werken Modiglianis.

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