Zur Homepage
KatalogInfoServiceKontakt

Das weiße Gold der Toskana: Carraramarmor - Feuilleton

Ferienhaus suchen  
 Feuilleton  
Regionsinformationen  
Fotoalbum  
Rezepte  
Objektnummer suchen
 
Feuilleton

Gaumenfreude aus Italien: Grüner Spargel

>> zum Artikel 

Rezepte

Piccata vom Lammrücken mit Gemüse

>> zum Rezept 

Das weiße Gold der Toskana: Carraramarmor

Eine alte Legende erzählt vom Liebeskummer eines Hirtenmädchens, von dem die Sterne am Firmament so ergriffen waren, dass sie eine ganze Nacht lang darüber weinten. Glühende Steintränen regneten vom Himmel, und als sie die Erde berührten, erstarrten sie zu weißem Marmor, zu einem wilden, in den Himmel ragenden Gebirge: den Apuanischen Alpen, benannt nach dem kühnen Volksstamm der Apuaner, den die Römer 180 v. Chr. unterwarfen.

In der nordwestlichsten Ecke der Toskana gelegen sind die Apuanischen Alpen ein selbständiges Gebirge, das dem Apennin vorgelagert ist. Die schroffen Gipfel ragen bis in eine Höhe von 2000m empor. Ihre himmelstürmenden weißen Wände wirken wie schneebedeckt.

Die Apuanischen Alpen mit ihren felsigen Rippen sind wie geschaffen für Kletterer und Hochalpinisten, aber auch Wanderer und Reiter, die die zahlreichen wildromantischen Berg- und Saumpfade durchziehen, kommen zu einem grandiosen Naturerlebnis. Man kann auch weit weniger mühsam mit dem Auto den kurvenreichen, aber gut ausgebauten Aussichtsstraßen folgen, die von der Versilia in die Berge hinauf führen. Unzählige kleine Steinwerkstätten säumen den Weg, wo sich manche steinerne Kostbarkeit erwerben lässt. In der Höhe angekommen hat man ein außergewöhnliches, atemberaubendes Panorama vor sich, das wahrlich einmalig ist. Man schaut auf riesige, bizarre, von Menschenhand geschaffene Marmorbrüche, über Halden aus blendend weißen Marmorsplittern, die Zeugnis dessen sind, was Heerscharen von Menschen während vieler Jahrhunderte geschaffen haben. Man kann nur erahnen, welch ungeheure Steinmassen hier schon bewegt wurden. Die Marmorbrüche (cave) von Carrara sind ein kolossales Bild, das man sich nur schwer vorstellen kann, wenn man es nicht selbst gesehen hat. Nicht Schnee, nein Ströme von Marmor sind es, die scheinbar dem Talgrund zufließen, als wollten sie sich mit dem am Horizont glitzernden blauen Meer vereinigen.

Vor 200 Millionen Jahren sah die Landschaft hier ganz anders aus, es herrschte ein sehr trockenes Klima, wie heute in den Wüstengegenden. Durch die Öffnung zum atlantischen Ozean und das damit verbundene Vordringen des Meeres änderte sich das kontinentale Klima hin zum maritimen. Muscheln und Knochen lagerten sich auf dem Meeresgrund ab und wurden von anderen Sedimenten bedeckt. So entstand zunächst ein spröder Kalkstein. Durch tektonische Erdverschiebungen wanderte dieser 20 bis 30 Kilometer tief ins Erdinnere, durch den enormen Druck und die hohen Temperaturen von 350 bis 450 ° verfestigten sich die Kristalle in Metamorphose. Über Jahrmillionen wurden die Schichten gefaltet und teilweise wieder abgetragen, bis dass der Marmor schließlich – Millionen von Jahren später – wieder an die Oberfläche kam.

Reiner, weißer Marmor ist sehr selten, da er nur bei geringer Verschmutzung und hohen Temperaturen entstehen kann. Die typische Marmorierung des Carraramarmors entsteht durch die Einlagerung von Pyrit, einer Eisen-Schwefel-Verbindung. „Marmo Statuario“ heißt der edelste Marmor, denn er ist ein sehr harter Stein, den Bildhauer auch deshalb lieben, weil sie nicht fürchten müssen, dass er an der falschen Stelle bricht. Er zeichnet sich durch seine Reinheit und feine Blässe aus, außerdem glänzt er wunderbar. Aus ihm schuf Michelangelo seinen David. In allen Epochen von Prunk, Glanz und Wohlstand war der Marmor öffentliches Zeugnis des Reichtums und auch der Macht.

Vor 2000 Jahren, zur Zeit des Augustus, entdeckten die Römer den Carraramarmor. Bis dahin musste der Marmor, den die Römer verbauten, noch auf griechischen Inseln gebrochen und nach Italien transportiert werden. Der Zeitpunkt der Entdeckung lag günstig, denn Augustus hatte Großes vor, sagte er doch „Ich fand eine Stadt aus Ziegelstein und hinterlasse eine Stadt aus Marmor.“

Luni hieß die römische Siedlung, deren Ruinen noch heute nördlich von Carrara zu besichtigen sind. Man weiß, dass damals die Käse aus dieser Gegend eine Mondsichel als Markenzeichen eingekerbt hatten, aus dem Wort „Luna“ (Mond) wurde Luni. „Marmi di Luni“ hießen die kostbaren Steine, aus denen im ganzen Mittelmeerraum Tempelanlagen, Grabdenkmäler, Statuen und prächtige Paläste geschaffen wurden. Zeugen dieser Zeit sind das Pantheon in Rom, die Cestiuspyramide, der Tempel des palatinischen Apoll, der Konkordiatempel, das Traiansforum und die Traiansäule oder der Bogen des Domitian.

Als das mächtige Imperium Romanum langsam seinem Ende entgegen ging, wurden auch die Mittel für Bauwerke knapper, vor allem war kein Geld mehr für exklusive Bauten aus teurem Marmor vorhanden. Schon für den 315 n.Chr. errichteten Konstantinsbogen wurde teilweise gebrauchter Marmor recycelt, es wurden ältere Reliefs aus früheren Zeiten mitverwendet. Der Marmorabbau verlor an Bedeutung, Luni geriet in Vergessenheit.

Doch schon im späten Mittelalter und erst recht mit dem Erwachen der Renaissance erwachte auch wieder die Faszination, die der edle Marmor in den Menschen seit jeher auslöste. Michelangelo Buonarroti selbst kam immer wieder nach Carrara, wo er in einem Haus am (selbstverständlich marmornen) Dom wohnte. Er begab sich in die Steinbrüche, um die Blöcke für seine grandiosen Skulpturen auszuwählen. "Ich sehe sie, sie stecken schon im Berg drin, ich muss sie nur noch herausholen", soll er einmal gesagt haben. Den Statuario für seine einmaligen bildhauerischen Werke soll Michelangelo aus den Brüchen zwischen Torano und Gioia bei Carrara haben. Den Block für den in Florenz stehenden David aus Colonnata. Seit seiner Zeit wird die allerfeinste Sorte des Marmo Statuario „Michelangelo“ genannt.

Doch auch Meister wie Gian Lorenzo Bernini oder Antonio Canova wählten hier ihren Marmor aus, Charles Dickens und Leo N. Tolstoi haben sich unter die vielen Wanderer gemischt, die die Marmortäler bei Carrara besuchten. Sie alle sind mühsam die nicht ganz ungefährlichen Wege und Pfade hinauf gestiegen, um selbst das so viel beschriebene „Land der Riesen“ zu entdecken und in Ehrfurcht die vom zerklüfteten Gebirge losgelösten mächtigen weißen Marmorblöcke in diesem gewaltigen Naturszenario zu sehen, um selbst die „Steinbrecher“ kennen zu lernen, diese Männer, die den Städten der ganzen Welt das weiße Material lieferten, das Denkmälern Würde und einmalige Vollkommenheit verleiht.

Die Technik des Marmorbruchs, die die Römer anwendeten, wurde noch bis ins 16. Jh. beibehalten. Sie bohrten in einer geraden Linie Löcher in den Stein und trieben Holzpflöcke hinein. Diese wurden ständig mit Wasser begossen, bis das Holz so stark aufquoll, dass es den Marmorblock sprengte. Der ausgebrochene Block wurde mühsam mit Hammer und Meißel in eine annähernd rechtwinklige Form gehauen.

Im 18. Jh. versuchte man den Abbau mit Hilfe von Dynamit, doch der hohe Ausschussanteil von rund 90 % beendete das Experiment recht schnell. Man favorisierte von nun an den Einsatz eines Trennseils. Der hierbei anfallende Marmorstaub färbt das Wasser des Baches, der durch Carrara fließt, milchig trüb, daher der Beiname Carraras "Stadt am Milchbach" (Rio Latte).

Das Herausschneiden der riesigen Marmorblöcke ist eine langwierige Angelegenheit. Der untere Teil des ausgewählten Felsens wird mit einer Spezialsäge angesägt. Ein langes Schneideseil wird um den Block gelegt. Wenn es fest sitzt, werden die Maschinen angeworfen, die nun mehrere Tage lang laufen, bis sich das Seil durch den riesigen Block gefressen hat. Daraufhin wird die Vorrichtung versetzt, bis das Seil alle Seiten geschnitten hat.

Doch bevor der Block umgestoßen werden kann, schafft der Bruchmeister Erde als Stoßdämpfer heran. In den entstehenden Spalt wird ein Kissen gedrückt, das mit Wasser aufgepumpt wird. Während es sich füllt, drückt es den Block nach vorne. 1929 wurde der größte Monolith aller Zeiten in einem der Steinbrüche Carraras herausgelöst. Er war zur Formung eines Obelisken für Mussolinis Foro Italico in Rom bestimmt, der dort noch heute steht. Seine Ausmaße betrugen 18 x 2,35 m und der Block wog beinahe 300 Tonnen. Acht Monate dauerte es, ihn vom Steinbruch bis zum Hafen von Carrara zu bringen, 70 000 Liter Schmierseife wurden für die Rollhölzer verbraucht.

Zum Abtransport der Marmorblöcke nutzte man bis vor 25 Jahren die sogenannte „Lizza“: Die Marmorblöcke wurden auf riesige Schlitten verfrachtet und auf einer eigens dafür angelegten, oft unglaublich steilen Bahn ins Tal befördert. Entlang der Bahn gab es stabile Pfosten zum Sichern der Lizza. Hieran wurde der Schlitten festgebunden, um ihn herabzulassen, lockerten die Arbeiter die Seile an einem Pfosten, während die Arbeiter weiter unten ein weiteres Seil am nächsten Pfosten befestigten. Die Methode wurde ursprünglich in Ägypten entwickelt. Es war ein halsbrecherisches Unterfangen, denn obwohl viele Männer die Hanfseile hielten und es an der Lizza kleine Holzbremsen gab, geschah es nicht selten, dass einer der Beteiligten durch eine unvorhergesehene Bewegung des Steinkolosses eingeklemmt oder zerquetscht wurde. In den Jahrtausenden verloren ungezählte Sklaven, Leibeigene und Fronarbeiter, später Männer aus den umliegenden Dörfern, die hier den Lebensunterhalt für ihre Familien verdienten, ihr Leben bei dieser äußerst gefährlichen Arbeit. Immer wieder teilten Hornsignale den Arbeitern mit, dass einer der ihren zu Tode gekommen war und ins Tal, zur Familie begleitet werden musste. Michelangelo selbst soll, so wird berichtet, bei zwei Unfällen dieser Art nur knapp mit dem Leben davon gekommen sein.

Die „Lizzatura“ kommt heute nur noch einmal im Jahr als Touristenspektakel zur Anwendung. Auch die neben der Lizzatura seit 1876 angewendete Transportmethode, die Marmorbahn, ist heute nicht mehr in Betrieb. Die Marmorbahn verband einige der Steinbrüche mit dem Meer und fuhr bis in eine Höhe von 455 m. Sie war zu ihrer Zeit eine technische Sensation, die 20 km lange Hauptlinie hatte 15 Tunnel und 16 Brücken. Als die Lastwagen immer größer und besser wurden, wurde die Marmorbahn unrentabel. Ihr Verlauf ist aber heute noch sichtbar und tausende von Besuchern bewundern die Brücken, die zu einem Bestandteil der Landschaft geworden sind, aber auch durch ihre Kühnheit und architektonische Schönheit beeindrucken.

Heute transportieren Lastwagen zwanzig Tonnen Stein auf einmal. Mit atemberaubendem Tempo donnern Tieflader über Behelfswege, die der sich dauernd verändernden Landschaft angepasst werden. Aber wehe immer noch, wenn die Steintransporter über diese Fracht die Kontrolle verlieren. Jedes Jahr ereignen sich noch immer bis zu zwei Dutzend tödliche Unfälle in den Bergen von Carrara.
In den Zwillingsstädten Massa und Carrara, die zwischen dem Mittelmeer und den Apuanischen Alpen liegen, dreht sich das Leben um den Marmor. Die Marmorindustrie wird als die älteste aller heute noch bestehenden Industrien bezeichnet. Das Wissen um den Marmor, seine Förderung, seine Bearbeitung und den Transport wurde stets von den Steinbrechern, Sägern, Steinhauern, Schleifern, Ornamentisten und Bildhauern weitergegeben, von Generation zu Generation, vom Vater zum Sohn und innerhalb der Dorfgemeinschaft.

Eine halbe Million Tonnen Marmor werden heute mit elektrischen Spiralsägen aus den Bergen herausgeschnitten und nach Carrara gebracht, wo die Blöcke ihre erste Bearbeitung von hoch spezialisierten Handwerkern erhalten. An den steilen Berghängen, entlang den Unterläufen der Gebirgsbäche auf allerengstem Raum, größer angelegt in der schmalen Ebene bis zum Mittelmeer, stehen die großen Fertigungsanlagen, wo der Marmor beschnitten und behauen wird. In eher bescheidenen Werkstätten haben ganze Bildhauerdynastien im Laufe der Jahrhunderte Statuen und Denkmäler für alle großen europäischen Höfe, für Kirchen, Plätze, Paläste und Gärten vieler Städte und Länder erstellt. Diese alten Werkstätten sind teilweise noch heute in Betrieb und können besichtigt werden.

Carrara ist mit der großartigen Bepflasterung seiner Piazza Alberica, einer der elegantesten Stadtdekorationen des 18. Jahrhunderts, mit vielen Marmorfassaden, mit seinem Museo del Marmo, der Scuola del Marmo für die technische und der Accademia di Belle Arte für die bildhauerische Ausbildung auch äußerlich das Herz des Marmorlandes. Die Bischofstadt Massa, Hauptstadt der toskanischen Provinz Massa-Carrara, hingegen entwickelte sich zum Zentrum des Steinhandels der ganzen Welt. Der Hafen spielt eine wichtige Rolle in der Einfuhr von Materialien aus aller Welt, die dann an Ort und Stelle weiterverarbeitet werden und als Endprodukt ausgeführt werden. Wo früher zwei Männer mit einer Säge in langwieriger und schwerer Arbeit die Blöcke teilten, übernehmen heute gewaltige maschinell betriebene Sägeblätter die Arbeit. Sie zersägen die Blöcke in drei Zentimeter dicke Platten, ein Prozess, der sich über Tage hinzieht. Einen Zweimeterblock in Platten zu zersägen dauert 100 Stunden. Die zurecht gesägten Marmorplatten laufen anschließend über ein Fließband, wo sie so lange geschliffen werden, bis sie in dem berühmten Glanz erstrahlen.

Doch die Erleichterung des Abbaus und der wirtschaftliche Wohlstand, der nach immer mehr Carraramarmorfliesen und -kacheln in Küchen, Bädern und Wohnräumen verlangt, hat zur Folge, dass der kostbare Marmo Statuario immer mehr schwindet. Für jede Badezimmerwandverkleidung aus Marmo Michelangelo entsteht ein David weniger. Und die Apuanischen Alpen werden kleiner. An manchen Stellen ist das Relief wie abgeschmirgelt, kratzt, wühlt, hämmert, hebelt, spreng und sägt der Mensch doch seit der Antike an diesem Bergmassiv herum. Wo vor Jahren noch eine Kuppe emporragte, ist heute eine Straße und morgen nichts mehr. Wie Gletscher gleißen die Steinbrüche im Sonnenlicht. Das Weiß des nackten Steins, eine gezackte Mondlandschaft, reicht bis zu den Gipfeln hinauf, die sich wie Zähne in den blauen Himmel der Toskana beißen. Und zwar gut geputzte Zähne: Marmor zu staubfeinem Pulver gemahlen, ist eine Grundsubstanz für Zahnpasta.

Einen Urlaub in der Versilia sollte man unbedingt zu einem Ausflug in die Marmorbrüche nutzen. Die meisten Marmorbrüche findet man im Carrione-Tal bei Miseglia und Colonnata. In der Regel sind sie als „Cave“ ausgeschildert und nummeriert. Das 532 m über der Küste gelegen Arbeiterdorf Colonnata ist ein beliebtes Ausflugsziel, an der Straße haben sich einige Souvenirläden niedergelassen. Schon die Römer holten sich in Colonnata ihren Marmor, wie ein Grabstein aus dem 1. Jh. v. Chr. beweist. Im obersten Teil des Dorfes steht zwischen der frisch gestrichenen Kirche und halbzerfallenen Gemäuern ein modernes Denkmal für die Cavatori, die Arbeiter in den Marmorbrüchen. Auf zwei übermannshohen Relieftafeln wird die traditionelle Abbaumethode illustriert. Unten am Dorfplatz stehen die alten und jüngeren Veteranen aus den Steinbrüchen herum, plauschen, gehen weiter – jeder zweite hinkt.

Zurück zur Übersicht

(c) Sempre Italia. Alle Rechte vorbehalten Ferienhaus, Ferienhäuser, Ferienwohnung, Ferienanlage, Hotel, FeWo
Rechtliche Hinweise Datenschutz Sitemap Impressum