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Das Tor zur Neuzeit: Italien und die große Pest
Im Oktober des Jahres 1347 betrat das Grauen europäischen Boden. Es nahm Einzug über die sizilianische Hafenstadt Messina. Die nächsten vier Jahrhunderte hinweg sollte es wüten, und nie mehr würde Europa sein, wie es früher war. Das Weltbild der Menschen des Spätmittelalters wurde zutiefst erschüttert, die Tore zur Neuzeit wurden geöffnet.
500 Jahre lang hatten die Menschen Ruhe vor der Pest gehabt. Zwischen Mitte des 6. Jahrhunderts und Ende des 8. Jahrhunderts hatten Epidemien der sogenannten Justinianischen Pest vor allem die Südeuropäer in 12jährigen Abständen heimgesucht. Doch das war lange vorbei, die Erinnerung an das Entsetzen war längst verblasst.
Im 14. Jahrhundert begannen die italienischen Handelsstädte aufzublühen. Mit ihren Schiffen bereisten sie die bekannte Welt und machten ihre Geschäfte, wo immer es solche zu machen gab. So hatten genuesische Kaufleute eine Handelsniederlassung in Kaffa, einer Stadt auf der Krim, die heute Feodossija heißt. Seit 1346 wurde Kaffa von einem Tatarenheer, der „Goldenen Horde“, belagert, und mit den Stadtbewohnern waren auch die genuesischen Kaufleute, die sich hier aufhielten, in den Stadtmauern eingeschlossen.
Schon ein Jahrzehnt zuvor war die Pest in China ausgebrochen. Langsam und bedrohlich bahnte sich die anbrechende Pandemie ihren Weg durch Asien, bis sie 1347 bei der Goldenen Horde zuschlug. Die verzweifelten und wutentbrannten Tataren schleuderten die Leichen mit Katapulten in die Stadt, und wenngleich die Einwohner die toten Soldaten sofort ins Meer warfen, infizierten auch sie sich mit der schrecklichen Krankheit. Die Tataren brachen die Belagerung ab, und panisch flohen die Genueser zurück in Richtung Italien. Im Oktober erreichten sie Messina, von dort breitete sich der Erreger blitzartig über die italienischen Hafenstädte aus. Über Genua drang sie nach Frankreich vor und erreichte schon 1348 Paris, um dann weiter Richtung England zu ziehen, von Venedig aus überquerte sie die Alpen und brach 1348 auch im deutschsprachigen Raum aus.
Die Pest wird durch ein widerstandsfähiges Bakterium ausgelöst, das bevorzugt Ratten befällt. Überträger sind Rattenflöhe, die sich auch über Menschen hermachen, wenn ihr Wirt stirbt. Auch Menschenflöhe und Läuse tragen den Erreger weiter. Infizierte Menschen verbreiten ihn zudem durch Tröpfcheninfektion. Bedenkt man die hygienischen Verhältnisse im Spätmittelalter, so verwundert der katastrophale Seuchenausbruch nicht mehr. Die reisenden Menschen sorgten dafür, dass das Unheil rasend schnell den ganzen Kontinent verwüsten konnte. Für die 3.700 km lange Strecke zwischen Neapel und Tromsö benötigte die Seuche drei Jahre. Zwar ergriffen viele Hafenstädte zügig Maßnahmen, denn die Kunde von der grausamen Krankheit eilte ihr voraus. Noch 1347 versuchte Genua, die heimkehrenden Schiffe durch Fackelbeschuss vom Ankern abzuhalten. Als das nicht nutzte, beschloss man, alle eingelaufenen Schiffe für 40 Tage zu isolieren – die Quarantäne (Quaranta = 40) war erfunden. Zwar gelang es, die Matrosen an Bord zu halten, doch heimtückisch gelangte der Erreger mit den Schiffsratten, die über die Taue zu Land krochen, in die Stadt. „Magna Mortalis“ – das Große Sterben, später auch der „Schwarze Tod“ genannt, war angekommen.
Man unterscheidet zwischen der Beulenpest, auch Bubonenpest genannt, und der Lungenpest, die beide durch den gleichen Erreger verursacht werden. Bei der Beulenpest liegt die Letalitätsrate bei um die 70 %, wohingegen eine Infektion mit der Lungenpest immer tödlich endet. Die Beulenpestinfektion beginnt mit einem Anschwellen der Lymphknoten. Nach einer Woche folgen rasende Kopfschmerzen, Schüttelfrost und Fieber. Schwarzblaue, nekrotische Flecken und Pestbeulen breiten sich am Körper aus. Unter Krämpfen und Halluzinationen stirbt der Kranke. Die Lungenpest wird durch Tröpfcheninfektion ausgelöst und führt viel schneller zum Tode, mitunter schon binnen weniger Stunden. Eine Nervenlähmung lässt den Kreislauf versagen und blockiert die Atmung.
Die genaue Zahl der Toten ist unbekannt. Die wenigen zeitgenössischen Chronisten neigten dazu, ihre Zahl zu übertreiben, um das unfassbare Ausmaß des Grauens zu unterstreichen. So sprach Boccaccio von 100.000 Menschen, die in Florenz bei der ersten großen Epidemie im Jahre 1348 starben, doch kann nach neuer Forschung Florenz damals kaum mehr als 100.000 Einwohner gehabt haben. Doch verlor Florenz die Hälfte seiner Einwohner, während Mailand bis 1361 verschont blieb. In Venedig starben täglich 600 Menschen. Man schätzt heute, dass 30 % der europäischen Bevölkerung durch den Schwarzen Tod dahingerafft wurden, wobei die Armen, die in engen Vierteln mit schlechten hygienischen Verhältnissen wohnten, stärker betroffen waren als die Reichen, und der Klerus, der durch Krankenseelsorge, letzte Ölungen und Beerdigungen mehr Kontakt zu den Kranken hatte, stärker als der Rest der Bevölkerung.
Welches Entsetzen die Menschen erfasste, wird durch die Schilderung Boccaccios deutlich. Der junge Dichter erlebte den Ausbruch der Pest in Florenz, das Geschehen inspirierte ihn zu seinem berühmten Werk „Decameron“, das von 7 jungen Frauen und 3 jungen Männern berichtet, die vor der Pest aus Florenz in ein Landhaus flohen, wo sie sich fortan heitere Geschichten erzählen, um die Zeit zu vertreiben. Das Werk beginnt mit der Beschreibung der Pest, so heißt es: „Diese Pest war deshalb so gewaltig, weil sie, wenn die Menschen miteinander verkehrten, von solchen, die bereits erkrankt waren, auf Gesunde übergriff“, und weiter, „So konnte, wer – zumal am Morgen – durch die Stadt gegangen wäre, unzählige Leichen liegen sehen. … Auch geschah es, dass auf einer Bahre zwei oder drei davongetragen wurden, und nicht einmal, sondern viele Male hätte man zählen können, wo dieselbe Bahre die Leichen eines Mannes und der Frau oder zweier und dreier Brüder und des Vaters und seines Kindes trug“.
Die tief religiösen Menschen dieser Zeit konnten sich diese unvorstellbare Grauenhaftigkeit nur als Strafe Gottes erklären. Die Kirche rief zur Abkehr vom sündigen Leben auf und großen Zulauf hatten die Fagellanten, die durch die Straßen zogen, sich geißelten und mit großer Inbrunst zur Reue aufriefen. Weil sie sich aber über die kirchlichen Autoritäten hinwegsetzten, erließ der Papst rasch ein Interdikt gegen sie, jedoch ohne viel Erfolg.
Auch andere Theorien mussten zur Erklärung des Unheils herhalten, so vermutete man etwa den Austritt giftiger Dämpfe bei einem großen Erdbeben in Friaul Anfang des Jahres 1348 als Ursache, einen unglückverheißenden Kometen oder eine verheerende Konstellation der Himmelskörper. Die feuchtwarmen Südwinde wurden verantwortlich gemacht, die die Körpersäfte durcheinanderbrächten. Doch schon 1348 kam das Gerücht auf, dass Juden die Brunnen vergiftet hätten. Begeistert griffen die Menschen die Unterstellung auf, ungeachtet dessen, dass auch die Juden an der Pest starben. Abgesehen davon, dass die Menschen schon immer gerne einen Sündenbock hatten, war es doch ein praktischer Weg, sich leidiger Gläubiger zu entledigen. Unter Folter gelang es, einigen Juden Geständnisse zu entlocken, und schon verbreitete sich der Wahn in ganz Europa und führte zu schlimmen Pogromen gegen die jüdischen Bürger.
Der Machtlosigkeit und Verzweiflung, die die Menschen angesichts der Pandemie empfanden, versuchten sie, Maßnahmen entgegenzusetzen. Ärzte empfahlen bestimmte Diäten und verkauften Salben und Pillen, die vor Ansteckung schützen sollten. Schnell erkannten die Ärzte die besondere Gefahr, der sie ausgesetzt waren und trugen fortan Masken in Form eines Vogelschnabels, den sie mit duftenden Essenzen füllten. Talismane hatten Hochkonjunktur, die Südfenster blieben geschlossen, um vor dem Südwind zu schützen. Kranken wurden die Augen verbunden, da man glaubte, ihr Blick verursache die Ansteckung. Man wusch sich mit Essig-, Rosenwasser oder Wein und verbrannte aromatische Kräuter und Hölzer zu duftendem Rauch. Auch die Kranken wurden mit Essig besprüht oder erhielten Umschläge mit einem Brei aus zerquetschten Insekten. Die Kleider der Toten wurden verbrannt, ihre Häuser ausgeräuchert. Bittprozessionen zogen durch die Städte, Heilige wurden angerufen. Die Menschen blieben in ihren Häusern oder flohen aufs Land. Sterbende wurden unversorgt zurückgelassen. Felder blieben unbewirtschaftet und die Nahrungsmittel wurden knapp, Hungersnöte verstärkten das Elend noch. Ganze Landstriche wurden entvölkert, Häuser und Sitten verfielen, die Handelswege brachen zusammen, Räuberbanden zogen plündernd herum.
Schon 1348 begann in Italien die Obrigkeit dem ausbrechenden Chaos entgegenzuwirken. Gesundheitsmagistrate wurden gegründet, die mit weitgehenden Machtbefugnissen ausgestattet waren und Maßnahmen gegen die tückische Krankheit ergreifen sollten. Florenz z.B. ergriff Schritte zur Stadtreinigung und isolierte Kranke. In Venedig ließ das Magistrat ein Massengrab anlegen und Bürger auf der Straße auf Pestsymptome hin untersuchen. Fremde wurden an bestimmten Orten untergebracht, auch für die Überwachung der Bettler, Krankenhäuser, Prostituierten und Juden war das Magistrat zuständig. Kranke wurden vertrieben oder in sogenannten Pesthäusern isoliert, wo Kranke einfach zusammen mit ihren noch gesunden Familienmitgliedern eingesperrt wurden. Das Läuten der Todesglocke wurde verboten, um die Menschen nicht noch mehr zu erschrecken. Trauerkleidung wurde nur noch den engsten Angehörigen gestattet, man befahl ihnen aber, nicht Trauer sondern Freude zu zeigen. Öffentliche Versammlungen und Veranstaltungen wurden verboten, Vergnügungsstätten wurden geschlossen. Gelegentlich wurden sogar Messen verboten. Bei Verstoß gegen die Vorschriften drohten drakonische Strafen. Das venezianische Magistrat war Vorbild für zahlreiche ähnliche Komitees, die in den Folgejahren in ganz Europa entstanden.
Venedig war es auch, das 1423 das erste Krankenhaus speziell für Pestkranke einrichtete. Die Stadt erwarb dazu eine kleine Insel in der Lagune, auf der sich ein Kloster mit Namen Santa Maria di Nazareth befand. In Anlehnung an dieses Kloster hieß das Krankenhaus zunächst „Nazaretum“, dieses Wort veränderte sich im Laufe der Jahrhunderte zu „Lazaretum“, der Begriff „Lazarett“ war geboren.
Flaute eine Pestwelle ab, so wurden die getroffenen Maßnahmen schnell rückgängig gemacht. Hatte z.B. Siena im Juni 1348 das Glücksspiel „für alle Zeit“ untersagt, so wurde das Edikt schon ein paar Monate später wieder aufgehoben.
Dem Elend unter den Armen entgegen entwickelte sich in diesen Jahrhunderten eine reiche Oberschicht unter den überlebenden Erben wohlhabender Familien. Diese setzen ihr Geld für Luxus und Genuss ein, wegen der stark gesunkenen Lebenserwartung entstand ein Trend, das Hier und Jetzt in vollen Zügen zu genießen. Eine heitere Lebensweise als die des Mittelalters setzte sich durch, die das Elend erträglicher machte. Die extremen Erfahrungen mit der Pest führten dazu, dass die Menschen die mittelalterlichen Werte und Normen in Frage stellten.
Auch in der Kunst spiegelte sich die Erfahrung mit der Pest. So entstand nicht nur Boccaccios üppig strotzendes Decameron, auch Italiens großer Roman I Promessi Sposi von Alessandro Manzoni schildert das Wüten einer großen Pestepidemie. Und auf Trainis Fresken in Pisa ist erstmals der Tod nicht als Knochenmann dargestellt, sondern als Hexe, die auf eine Gruppe fröhlicher Menschen herabfährt.
Etwa alle 10 Jahre wallte die Pest wieder auf und forderte neue Opfer. Warum sie sich in Europa ab dem 18. Jahrhundert mehr und mehr zurückzog, ist nicht völlig geklärt. Es mag damit zusammenhängen, dass die Wanderratte die Hausratte verdrängte. Die Wanderratte ist scheuer, sodass es seltener zu Kontakten mit dem Menschen kommt. Möglich ist es außerdem, dass sich der Pesterreger genetisch veränderte. Vielleicht hatten die Pestüberlebenden auch eine bessere Immunität, die sie an ihre Nachfahren vererbten. Zudem verbesserten sich die medizinischen und hygienischen Maßnahmen. Noch heute ist die Pest nicht besiegt, so brach sie z.B. noch 2008 auf Madagaskar aus und forderte 18 Opfer. Doch schnelle und entschiedene Maßnahmen verhindern heute, dass es wieder zu großen Pestepidemien kommt. Zurück zur Übersicht |