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Cave Canem - von Wölfen und Hunden
Dieses Thema wählten wir im Februar 2003 ganz persönlichen Gründen, denn das Sempre Italia Team bekam in diesen Tagen Verstärkung: Piccolo, 10 Wochen alt, zog bei uns ein, nachdem unser treuer Teddy leider im November 2002 gestorben war.
Die Verbundenheit mit Hunden und deren Stammeltern, den Wölfen, hat in Italien tiefe Wurzeln. Der Legende nach lebte einst der Tyrann Amulius, der seinen Bruder Numitor entthront hatte. Rea, die Tochter des Numitor, liebte den Kriegsgott Mars und aus ihrer Verbindung wurden Zwillinge geboren: die Knaben Romulus und Remus. Der Tyrann befürchtete, diese könnten einmal Anspruch auf seinen Thron erheben und befahl, die beiden Babys in eine Kiste zu legen und diese in den Tiber zu werden. Eine Wölfin rettete die beiden Knaben und säugte sie, bis der Hirte Faustulus, den Mars ausgeschickt hatte, die Kinder zu suchen, sie in einer Höhle entdeckte. Er nahm sie mit sich und vertraute sie Acca Larentia, einer Prostituierten, an. Im Lateinischen bedeutet das Wort "Lupa" Wölfin und Prostituierte zugleich. Groß geworden, verhalfen Remus und Romulus ihrem Großvater Numitor wieder auf dem Thron. Sie beschlossen, am Ort, wo die Wölfin sie ernährt hatte, eine Stadt zu gründen, aber in der Folge eines Streites zwischen den beiden tötete Romulus seinen Bruder, so dass Romulus allein erster König von Rom wurde. Die Wölfin wurde zum Wahrzeichen der Stadt und schmückte ihre Münzen und Bauwerke.
Die Legende von Remus und Romulus ist ein Symbol für die Einigung zwischen den Sabinern, einem kriegerischen Volk, das unter dem Zeichen der Wölfe kämpfte, und den Römern. Die Wölfin wurde zum Symbol des "Pax Romana". Der uralte Wolfskult blieb bei den Römern in Form des "Luperkalienfestes" erhalten. In den Märchen und Mythen Italiens spielt immer wieder der Wolf eine bedeutende Rolle. Noch heute wird davor gewarnt, an einem Freitag bei Vollmond im Freien zu übernachten. Wer es trotzdem tut, läuft Gefahr, dass er entweder von einem Werwolf angegriffen wird oder sich selbst in einen verwandelt.
Natürlich war zur Zeit des antiken Rom der Wolf auch schon lange als Hund domestiziert. Molosser hießen die muskulösen Kampfhunde, die im Militär und auch als Wach- und Schutzhunde zum Einsatz kamen. Von ihnen stammen die noch heute bekannten Rassen Cane Corso und Mastino Neapolitano ab.
Der Geschichtsschreiber Marcus Terentinus Varro beschreibt außerdem einen weißen Hirtenhund, der zum Schutz der Herden vor Wölfen und anderen Räubern eingesetzt wurde. Diese Hirtehunde waren ziemlich groß und mehr als 50 kg schwer. Die Schäfer bevorzugten weiße Hunde, weil diese leichter von Wölfen zu unterscheiden waren. Zahlreiche römische Reliefs zeigen Schäfer, die von diesen Hunden begleitet werden.
Als dritte römische Hunderasse wird ein langhaariger, weißer Zwerghund geschildert, der bei den vornehmen Römerinnen als Schoßhündchen sehr beliebt war. Aus dieser Rasse entstanden die Bichons, Malteser, Bologneser und Löwchen.
Die bekanntesten Hunderassen des heutigen Italien sind:
- der Cane Corso, der aus der Kreuzung zwischen ägyptischen Laufhunden und römischen Molossern entstand, später fast ausstarb und erst Anfang des 20. Jh. seine Renaissance erlebte. Im Laufe der Jahrhunderte hatten die Züchter seine jagdlichen und körperlichen Eigenschaften stark verbessert.
- das italienische Windspiel, das einer der ältesen Windhunde ist. Ein identischer Hund wurde in einem ägyptischen Pharaonengrab entdeckt.
- der Spinone Italiano (italienischer Vorstehhund), der im 17. Jh. als Jagdhund in Piemont gezüchtet wurde und ein Abkömmling des Jagdgriffons ist.
- der Segugio Italiano (italienischer Laufhund), der von ähnlichen Jagdhunden des Altertums abstammt, mittelgroß ist und zur Hasen- und Wildschweinjagd eingesetzt wird.
- die italienische Bracke, ein seit vielen Jahrhunderten bekannter, kräftiger Vorstehhund, der früher zur Vogeljagd eingesetzt wurde.
- der Mastino Napoletano, der wie alle europäischen Doggen von der Tibet-Dogge abstammt, die zur Zeit Alexander des Großen als Kampfhund nach Europa kam. Aus der Tibet-Dogge wurden die römischen Molosser gezüchtet, von denen der Mastino in direkter Linie abstammt. Seit über 2000 Jahren gibt es diese Rasse in der Gegend um Neapel.
- der Bologneser, der bereits vor 500 Jahren in Bologna bekannt und beliebt war. Er ist reinweiß und mit seinen 2,5 bis 4 kg Körpergewicht ist er das ideale Schoßhündchen.
- der Piemonter Trüffelhund, der, wie schon der Name sagt, zum Auffinden von Trüffeln eingesetzt wird.
- der Volpino Italiano ("italienisches Füchschen"), ein Zwergspitz mit dichtem, abstehendem Langhaar
- der Cane da Pastore Maremmano-Abruzzese, ein großer, weißer Hirtenhund, der von den altrömischen Hirtenhunden abstammt, die ursprünglich aus dem Mittleren Osten und über Griechenland nach Italien kamen.
- der Bergamasker, ein mittelgroßer Hütehund, grau oder gescheckt, ein wandelnder Teppich aus der Gegend um Bergamo, der ebenfalls von den römischen Hirtenhunden abstammt.
Doch wie ergeht es dem Wolf im heutigen Italien?
Die Mythen der Antike zeigen, dass der Wolf einst wohl nicht den erschreckenden Ruf hatte, den er in den vergangenen Jahrhunderten erwarb. Die völlig unbegründeten Ängste, aber auch die Furcht vor der Konkurrenz für Jäger und die Befürchtungen der Viehzüchter haben dazu geführt, dass der Wolf in Mitteleuropa so gut wie ausgerottet wurde. Um 1970 hielt man den Wolf auch in Italien für ausgestorben. Tatsächlich hatten aber ca. 100 Tiere - völlig unbemerkt von den Menschen - überlebt. Der Wolf wurde in Italien schon damals unter Naturschutz gestellt und die Bevölkerung auf vorbildliche Art über die wahre Natur des scheuen Isegrim aufgeklärt, dem gerade die Italiener ja mythologisch und kulturell tief verbunden sind. Beispielsweise wurde in den Abruzzen, einem Gebirgszug östlich von Rom, 1973 ein Projekt zum Schutz der letzten dort lebenden Wölfe eingeleitet. Sie wurden gezählt und ihre Reviere geortet. Ihr Fortpflanzungsverhalten wurde studiert und Wanderungsaktivitäten festgehalten. Giftköder, die häufigste Todesursache bei Wölfen, wurden verboten. Mangels wildlebender Huftiere, die durch übermäßige Bejagung ebenfalls einen starken Rückgang erlitten hatten, ernährten sich die anpassungsfähigen Wölfe von kleineren Wildtieren, von Zivilisationsabfällen, die sie auf offenen Müllhalden fanden, und von Nutztieren, vor allem Schafen. Die betroffenen Bauern erhalten eine staatliche Kompensation für gerissene Tiere.
So kommt es, dass die Population des Wolfes in Italien sich seit Anfang der 70er Jahre verfünffachen konnte. Da der Wolf im restlichen Westeuropa ausgerottet war, entwickelte sich die italienische Population geografisch isoliert und ist auch genetisch von anderen Wolfsarten zu unterscheiden.
Wolf und Mensch können, anders als es das Märchen vom Rotkäppchen zu glauben machen versucht, nebeneinander leben, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind. Im 20. Jahrhundert ist es in Europa zu keinem eindeutig belegten Angriff eines Wolfes auf Menschen gekommen. Wölfe leben zwar mancherorts in unmittelbarer Nähe des Menschen, sie sind jedoch sehr scheu und höchst selten zu beobachten. Sie flüchten sogar vor Kindern. Heute ist der Wolf in Italien ein Sympathieträger ersten Ranges. Der Wolf ist kein Monster, sonder ein Familientier. Er lebt im Familienverband, dem so genannten Rudel. Dieses ist streng organisiert: Die Leitwölfin und der Leitwolf haben das Sagen, die anderen Wölfe müssen sich fügen. Das Rudel geht zusammen auf die Jagd nach Hirschen, Gämsen, Rehen und Wildschweinen. Doch auch kleinere Tiere wie Hasen, Murmeltiere, Vögel, Insekten und sogar Früchte stehen auf ihrem Speisezettel. Auch bei der Aufzucht der Jungen hilft das gesamte Rudel mit.
Die italienischen Nationalparks sind heute die ersten Garanten des Lebensrechts der Wölfe. Wölfe leben z.B. in den Abruzzen, in Kalabrien und in der Toskana, so im Parco dell' Orecchiella nördlich von Lucca, wo auch Fischotter und Königsadler erfolgreich angesiedelt werden konnten. Nur wenige Kilometer von Rom entfernt ist ein Wolfsrudel anzutreffen.
Canis lupus wurde als erste Tierart zum Wappentier für einen Kampf zum Schutze der Natur ausgewählt, was eine wachsende Sensibilisierung der Öffentlichkeit auch bei uns zur Folge hatte. Die Erfahrungen der Italiener aus den letzten Jahrzehnten zeigen, dass ein Zusammenleben von Wolf und Mensch auch bei uns durchaus denkbar sein kann, wenn nur die archaischen und unbegründeten Ängste überwunden werden. Da Wölfe keine Grenzen kennen, wandern sie in den letzten Jahren von Italien nach Frankreich und in die Schweiz. Das Schweizer Bundesamt für Naturschutz arbeitet Vorschläge und Projekte aus, wie den Sorgen der Bauern Rechnung getragen werden kann, ohne den Wolf erneut ausrotten zu müssen. Esel und Schutzhunde (Esel haben sich als erstaunlich mutig in der Abwehr von Wölfen gezeigt) sollen ausgebildet werden, die Bevölkerung über die reelle Gefährdung aufgeklärt und die Population der Wölfe genau festgehalten werden. Auch in Polen und Rumänien gibt es Versuche, das Überleben des Wolfes zu sichern und ihn vor unkontrolliertem Abschuss zu schützen. In unseren Wäldern richten Rehe durch Verbiss große Schäden an. Statt auf höhere Abschussquoten zu setzen, wäre es ökologisch sinnvoller, ihren natürlichen Feinden einen Lebensraum zu geben. Die Schutzgemeinschaft Deutsches Wild hat den Wolf zum "Tier des Jahres 2003" gewählt. Leider reicht das, wie wir am traurigen Beispiel der niedersächsischen Wölfin gesehen haben, wohl immer noch nicht aus.
"Bruder Wolf" lebte nach allem, was wir wissen und ahnen, mit unseren Vorfahren in fast symbiotischer Jagdgemeinschaft, in den vielen Mythen und Legenden blieb diese besondere Beziehung lebendig. Als Hund wurde der Wolf unser treuer Begleiter. Ohne Wölfe gäbe es keine Hunde, ohne Hunde gäbe es weniger Freude in unserem Leben. Auch gäbe es keine Blindenhunde, keine Rettungshunde und keine Fernsehstars wie Lassie oder Kommissar Rex. Kaum ein anderes Tier weist eine derart ausgeklügelte Verständigung und ein so vielfältiges - unserem eigenen ähnliches - Sozialverhalten auf wie der Wolf. Hundehalter wissen dies, obwohl Hunde im Vergleich zum Wolf "einfach" sind und inzwischen "eine andere Sprache sprechen".
Nun sind wir wieder beim Hund gelandet und schließen mit einem Bild unseres neuen Familienmitglieds, das trotz seines Namens kein Italiener ist, sondern ein Schotte, denn Piccolo, der eigentlich Nightshadow Nico of Reimo Ranch Valley heißt, will mal ein Collie werden. Zurück zur Übersicht |