Brodelnde Urgewalt: Ätna und Liparische Inseln
Vesuv, Ätna, Stromboli: Aufgereiht wie auf einer Perlenschnur durchziehen unzählige Vulkane den italienischen Stiefel und die Liparischen Inseln nördlich von Sizilien.
Die Sizilianer nennen ihn auch "Mongibello" (darin steckt das arabische "Djebel" - Berg) oder einfach nur "La Montagna" (der Berg). Immer öfter macht der angeblich so gutmütige Vulkan Ätna von sich reden. Drei Monate wütete er im Winter 2002/2003. Die ersten heftigen Eruptionen begannen im Oktober 2002. Die Fontänen stiegen bis zu 200 Meter hoch in den Himmel. Dann floss die Lava unermüdlich aus mehreren Flankenrissen. Immer wieder spuckte der Berg Asche und Gestein, kleinere und größere Erdbeben erschütterten wochenlang die Region. Seit Ende Februar 2003 haben die seismologischen Unruhen aufgehört - der Ätna ist wieder friedlich. Wie lange, wagen allerdings auch Experten nicht vorauszusagen. Denn erst zehn Monate vorher, im Juli 2001 war es zu einer heftigen Eruption am Ätna gekommen: Heißglühende Lava wälzte sich wochenlang den Hang herunter, zerstörte einzelne Häuser und bedrohte das Dorf Nicolosi. Buchstäblich im letzten Moment stoppte der Lavastrom, und Sizilien atmete wieder auf.
Der erste dokumentierte Ausbruch fand 475 v. Chr. statt. Seit dem sind 135 große Ausbrüche bekannt. Eine dramatische Eruption gab es im Jahr 1669. Damals starben 2000 Menschen und es wurden 300 m des Gipfels weggesprengt. 1983 trat aus einer 750 m langen Spalte ein 200 m breiter und 10 m dicker Lavastrom aus, der mehrere Ortschaften zerstörte. Die Eruption dauerte 4 Monate. Weitere stärkere Eruptionen sind aus den Jahren 1947, 1950/51, 1960, 1971 und 1989 bekannt.
Der momentan 3.350 Meter hohe Vulkan liegt genau auf der Bruchlinie zwischen Eurasischer und Afrikanischer Platte. Da sich die afrikanische Kontinentalplatte beständig auf die Eurasische Platte schiebt, ist die Erdkruste hier in fortdauernder Bewegung. Der Ätna ist einer der aktivsten, wenn nicht der aktivste Vulkan der Welt und ändert laufend seine Größe und Form. Seine Basis hat einen Durchmesser von etwa 35 km, er überdeckt eine Fläche von etwa 1200 km². Die riesenhafte Größe dieses Vulkangebirges schützt die Menschen an seinen Hängen ein Stück weit. In der Weite des Landes erstarrt der Glutfluss meist, bevor er großen Schaden stiftet, manchmal jedoch auch nicht, wie man auf nebenstehendem Bild sieht.
Der Ätna gehört auch nicht zu den explosiven Feuerbergen (wenn auch das nebenstehende Bild anderes vermuten lässt). Noch ist er berechenbar. Seinen Eruptionen kann man entkommen. An seinen vier Hauptkratern kommt es kontinuierlich zu Explosionen mit Ascheauswurf. Der Zentralkrater hat einen Durchmesser von etwa 200 m und ist 80 m tief. Lavaströme sind hier seltener und geringer. Gefährlicher sind die Risse, die sich bei Flankenausbrüchen unterhalb der Gipfelkrater bilden - hier kann schnell ein großer Lavastrom austreten und bis zum Meer hinunterfließen. Der Ätna grummelt beständig - doch bleibt er für die Menschen, die seine Hänge besiedeln, der "gute Berg". Denn meist sind seine Ausbrüche eher eine zusätzliche Attraktion für Touristen.
Ab 1600 Höhenmetern liegt von Dezember bis Mai Schnee, früher die Haupteinnahmequelle des Bischofs von Catania, denn der Schnee wurde nach ganz Süditalien und bis nach Malta exportiert. Heute liegen hier beliebte Skigebiete. Bis 1800 Meter führt eine Teerstraße den Berg hinauf, mit Seilbahn und Geländebussen geht es weiter bis auf etwa 3300 Meter. Besonders eindrucksvoll ist der Sonnenaufgang auf dem Gipfel. Den Ätna umgibt eine fruchtbare Gartenlandschaft, die im Süden in die Ebene von Catania übergeht.
Doch seit etwa zwei Jahren genießt der Ätna einen zunehmend schlechteren Ruf. Die letzten Flankeneruptionen waren ungewöhnlich heftig. Die Lava zeigte zudem eine andere Zusammensetzung als die Lava früherer Ausbrüche. Wissenschaftler vermuten, dass sich der Charakter des Ätna ändert - ein ganz normaler Vorgang im Leben vieler Vulkane. Solche Charakteränderungen vollziehen sich allerdings über Zeiträume von vielen 100.000 Jahren.
Auch der Stromboli, eine rein vulkanische Insel, nördlich von Sizilien im Meer gelegen, gilt als vergleichsweise harmlos. Aus seinen Gipfelkratern brechen kleinere Eruptionen aus - in ruhigen Phasen zweimal, in aktiveren Phasen sechsmal pro Stunde. Der etwa 900 Meter hohe Inselvulkan, dessen größter Teil sich unterhalb der Wasseroberfläche befindet, war durch seine regelmäßige und weithin sichtbare Tätigkeit bereits in der Antike als "Leuchtturm des Mittelmeeres" bekannt. Sein leuchtender Feuerzauber ist besonders von Siziliens Nord-Ost-Küste aus nachts gut zu beobachten. Die glühenden Lavafontänen schießen bis zu 200 Meter hoch.
Doch auch der Stromboli scheint ungemütlicher zu werden: Zum Jahresbeginn 2003 zog er mit dem etwa 120 Kilometer entfernten Ätna mit. Es kam zum schwersten Ausbruch seit 17 Jahren. Dieser Ausbruch war gefährlicher als die üblichen, denn bei einer heftigen Explosion wurden rund acht Millionen Kubikmeter Lavagestein gelöst und stürzten ins Meer. Die anschließende Flutwelle verwüstete eine Ortschaft vollständig. Für mehrere Wochen war die ganze Insel evakuiert worden. Deswegen kam niemand zu Schaden, als die etwa sieben Meter hohe Flutwelle die Insel überflutete.
Die Vulkane der Liparischen Inseln, zu denen auch die sagenhafte Insel Vulcano und Lipari gehören, sind weiterhin aktiv. In der Tiefe von Vulcano rumpelt es gewaltig. Heiße Quellen im Meer, an der Küste und Dampfaustritte im Krater, der Fossa, lassen keine Zweifel daran, dass auch hier nach einer Zeit relativer Ruhe ein überraschender Ausbruch möglich ist. Die wachsende Zahl von Wochenendvillen und Hotels scheint dagegen zu sprechen, aber der Schein kann trügen. Vulcano gehört wie der Vesuv zu den explosiven Vertretern. Ihre Lava ist aufgrund ihrer chemischen Zusammensetzung zähflüssiger und kann über lange Zeit wie ein Pfropfen im Schlot stecken, so lange, bis der Gasdruck in der Tiefe dieses Hindernis wegsprengt. Glasharter Obsidian, in der Steinzeit ein begehrter Werkstein, und der weiße erstarrte Lavaschaum, den man Bims oder Liparit nennt, sind ein Zeichen dafür, dass auch Lipari dem gefährlichen Typus zuzurechnen ist.
Nach diesen Betrachtungen könnte man zu dem Schluss kommen, dass man lebensmüde sein müsste um in der Nähe solcher Gefahren zu leben. Doch sollte man die Vorteile und Nutzungsmöglichkeiten der vulkanisch aktiven Gebiete nicht vergessen. Hauptgrund für die enge Besiedlung schon seit dem Altertum ist der landwirtschaftliche Aspekt. Vulkanische Böden sind auf Grund ihres Mineralgehalts besonders fruchtbar, außerdem gut durchlüftet und leicht zu bearbeiten. Hinzu kommt die industrielle Nutzung. Minerale werden für die chemische Industrie und Bimsstein als Material gefördert. Die durch den Vulkanismus vorhandene Wärme wird z.B. am Ätna zur Herstellung von Glasfieber verwendet.
Doch auch andere Dinge machen die Vulkane attraktiv. Wo der vulkanische Schlamm angenehme Temperaturen aufweist, wird er gerne wie auf Vulcano als Thermal- und Heilbad genutzt. Doch locken hier auch geophysikalische Experimente: Aus den Fumarolen tritt Schwefeldampf aus, wenn man versucht, in einen dieser Schwefelcanyons zu gelangen (eine Gasmaske ist angebracht!), begibt man sich auf sehr heißen Boden. Hier wird der abgelagerte Schwefel wieder aufgeschmolzen, der in den zahlreichen Höhlen sogar Tropfsteine bis zu 20 cm bildet. Wenn man vorbei an den Thermen am Strand entlang geht, stellt man bald fest, dass hier sogar das Meer kocht. Aufsteigendes heißes Gas in Tausenden von Kleinstfumarolen kann Barfußgehen am Strand durchaus zur Hölle machen. Gräbt man eine ca. 30 cm tiefe Kuhle in den Strand, stößt man schnell auf siedendes Wasser. Gibt man z.B. Eier hinein, färbt das schwefelsaure Wasser die Schalen grauschwarz. Der Geschmack bleibt unbeinträchtigt.
Von Almut Irmscher
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