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Bella, bella, bella Marie: Vom Zauber der Insel Capri
Die Insel Capri – das Sylt Italiens. Die Reichen und die Schönen haben die sonnengeküsste Insel zur Legende werden lassen. Und das nicht erst mit dem Beginn des Tourismusbooms im vergangenen Jahrhundert. Nein, der besondere Reiz des kleinen Eilands zog die, die es sich leisten konnten, schon immer in seinen Bann.
Capri liegt im Golf von Neapel und ist nur ca. 10 km² groß. Berühmt sind die Grotten der Felseninsel, allen voran die sogenannte Blaue Grotte, vor der in Hochsaisonzeiten die Touristenboote mit schöner Regelmäßigkeit einen Stau auf dem Wasser bilden. Oft sind es mehr als 50 Boote, die auf die Einfahrt warten. Zugegebenermaßen ist das Blau, das die Strapazen belohnen wird, von überwältigender, geradezu irrealer Schönheit. Schon im alten Rom war die Blaue Grotte bekannt, geriet aber in späteren Jahrhunderten in Vergessenheit. Wiederentdeckt wurde sie 1826 durch den schlesischen Dichter und Maler August Kopisch. Doch zunächst einmal zurück zu den Anfängen des Capri-Booms.
In der Altsteinzeit war Capri noch mit dem Festland verbunden. Der Geschichtsschreiber Sventonius vermerkte, damals hätten Elefanten und Riesen die Gegend bewohnt. Auf das Dunkel dieser Vergangenheit folgten griechische Kolonisten und später die Römer. Den Namen Capri prägten letztere, denn er stammt vom Lateinischen „capraeae“ ab, was dem mondänen Mythos weniger zupass kommt, denn es bedeutet schlicht „Ziegen“.
Bereits Kaiser Augustus besuchte Capri als Feriengast und ließ sich dort eine Urlaubsvilla errichten. Kaiser Tiberius erwählte Capri zu seinem Domizil, um dem Trubel Roms zu entkommen – böse Zungen behaupten, er habe hier seinem Lasterleben ungestört frönen wollen. Er machte Capri 26 n. Chr. zu seinem Regierungssitz und elf Jahre lang war es das Zentrum des Römischen Reiches. Seine Villa Jovis lag spektakulär über einem steil zum Meer hin abfallenden Felsen mit Blick aufs Festland. Neben dieser Villa besaß Tiberius deren noch weitere elf auf Capri. Die Kunstschätze der Villa Jovis wurden leider bei Grabungen im 18. Jahrhundert geraubt und in alle Welt verteilt. Drei der Villen des Tiberius kann man heute besichtigen, und der Ausflug lohnt sich, denn – wie könnte es anders sein – sie liegen an den schönsten Orten der Insel.
Bis zum Niedergang des Römischen Reiches im 4. Jahrhundert blieb Capri nobles Ferienziel römischer Herrscher und Refugium hochgestellter Adliger. In den unruhigen Jahrhunderten, die darauf folgten, fiel Capri wechselnden Eroberern in die Hände. Mal gehörte es zum Herzogtum Neapel, dann herrschten Sarazenen, Langobarden, Normannen, Anjou, Aragoneser und schließlich Spanier auf dem kleinen Einland, und jeder hinterließ seine Spuren und prägte die capresische Kultur.
Im 19. Jahrhundert entdeckten die vom Italienfieber gepackten und von Romantikgefühlen verklärten deutschen Künstler Capri als Winterquartier. Illustre Gäste wie Rainer Maria Rilke tummelten sich auf der Insel. Der Dichter wohnte im „Rosenhäusel“ und schwärmte mit blumigen Worten von der Schönheit Capris. Die Via Krupp, die der Stahlfabrikant Friedrich Alfred Krupp in spektakulären Serpentinen in den Fels schlagen ließ, ist heute eine der Hauptattraktionen Capris.
Die Sehnsucht nach dem Süden fand ihr Ideal in der kleinen Insel: eine mystisch einfache Welt, umspielt von schillernden Farben, von Helligkeit und Heiterkeit, geprägt vom milden Klima und der Gastfreundschaft seiner Bewohner. Capri – das schien kein Urlaubsziel zu sein, sondern das Gestalt gewordene Glück. Das sprach sich herum und die anziehende Atmosphäre Capris lockte fortan Künstler und Intellektuelle, Schriftsteller und Exzentriker aus aller Welt. So entstand eine einzigartige kosmopolitische Kolonie, deren Glanz bis auf den heutigen Tag hin strahlt.
Zugegebenermaßen waren nicht alle begeistert von Capri. Zu süßlich verkitscht und kommerzialisiert erschien die Insel manch einem Besucher. Goethe warnte vor den bösen Menschen, die oben auf dem Felsen standen und hofften, dass das Boot, in dem er saß, zerschellen möge. Er war im Mai 1787 vor Capri in Seenot geraten und musste die Insel links liegen lassen. Brecht floh von Capri in den Trubel Neapels, um „nicht kotzen zu müssen“. Er hat das Capri-Glück wohl eher als Kitsch empfunden...
Das Fernweh der aus den elenden Nachkriegsjahren erwachenden Deutschen fand seit 1947 in Capri dank Rudi Schuricke schließlich den Gipfel seiner Träume: Der Caprifischer und seine Bella Marie belegten einen festen Stammplatz im Herzen der sich nach der einfachen, lebensfrohen Leichtigkeit des Südens sehnenden Deutschen. Die Prominenz dieser Zeit traf sich auf Capri, Namen wie Onassis, Ingrid Bergmann oder Maria Callas verschafften dem Traum vom Süden zusätzlichen Glamour. Capri wurde zum Synonym für ein Gefühl, geschickt genutzt von Firmen wie Ford, die ihr erfolgreiches Automodell nach der Insel benannten, von Lagnese mit ihrem Eis gleichen Namens oder von den Brauern der bis auf den heutigen Tag erfolgreichen Carpi-Sonne.
Heute muss man Eintritt bezahlen, um seine Füße auf dies einzigartige Stückchen Erde setzen zu dürfen. Man erreicht Capri von Neapel, Ischia oder von Sorrent aus mit der Fähre. Bereits die Einfahrt in den pittoresken Hafen von Marina Grande mit den bunten Häuschen, die sich am Hang hinauf ziehen, lässt erahnen, dass man einen ganz besonderen Ort erreicht hat. Um die kleine Piazzetta der Gemeinde Capri scharen sich die exquisitesten Läden, kleine Ristorantes bieten köstlich frische Caprese, die nach der Insel benannte Delikatesse aus Büffelmozzarella, aromatischen Tomaten und Basilikum, zu exorbitanten Preisen vor malerischer Kulisse an. Die Mischung aus Promi-Glamour und Touristen-Trash, die hier herrscht, sucht wohl weltweit ihres Gleichen.
Die Reichen und die Schönen, die sich auch heute noch auf Capri tummeln, verstecken sich tagsüber meist in ihren Luxusherbergen vor dem Getümmel der Tagesausflügler. Allein im letzten Jahr gaben sich illustre Zeitgenossen wie Barbara Streisand, Elton John, Mariah Carey, Michael Caine, Nicolas Cage, Rod Steward, Michael Douglas, Placido Domingo, Giorgio Armani, Luciano Benetton, Dino de Laurentiis, Naomi Campbell, Dolce und Gabbana, Tom Cruise, Valentino – wir müssen aufhören, die Liste ließe sich noch seitenweise fortsetzen – auf Capri die Ehre. Auf Capri, so viel steht fest, gibt es mehr Geld pro Quadratmeter als sonst irgendwo auf der Welt.
Capri ist autofrei, wer die Insel erkunden will, muss zu Fuß gehen, den Kleinbus nehmen, mit der Bergbahn „Funiculare“ fahren oder in eines der legendären Taxis steigen. Die Taxis sind traditionell Oldtimer und halten die glamouröse Zeit der Fünfziger und Sechziger Jahre lebendig. Leider benagt sie jedoch mit und mit der Zahn der Zeit, sodass sie nach und nach durch moderne Fahrzeuge ersetzt werden.
Die drei aus dem Meer ragenden Felsen „I Faraglioni“ liegen auf der anderen Seite der Insel und sind zu ihrem Wahrzeichen geworden. Ein Spaziergang über die Insel eröffnet immer wieder grandiose Ausblicke über das Meer und den Golf von Neapel. Stille Olivenhaine und lauschige kleine Buchten bieten einen krassen Gegensatz zum anderenorts herrschenden Trubel. In den Altstadtgassen Capris herrscht quirliges Leben vor, schicke Restaurants, Cafés und Boutiquen wohin man sieht. Auf der Flaniermeile Via Camerelle reihen sich die Läden der italienischen Designer aneinander, hier gilt das Motto „sehen und gesehen werden“. In mondänen Badeanstalten servieren livrierte Kellner Cocktails am Pool. Malerische Fischerboote schaukeln in den sanften Wellen vor Marina Grande. Beschaulicher geht es im auf der anderen Seite der Insel liegenden Anacapri zu, wo Katzen zwischen strahlend weißen Häusern im Schatten vor sich hin dösen. Die beiden Orte Capri und Anacapri werden von den mächtigen Steilwänden des Monte Solaro getrennt, mit 589 Metern der höchste Berg der Insel, auf den eine Seilbahn führt. Das ungewöhnlichste Gebäude der Insel ist der futuristische rote Kubus, den sich der Schriftsteller Curzio Malaparte auf einer Klippe über dem Meer erbauen ließ. Und nicht unerwähnt bleiben soll schlussendlich die artenreiche Flora und Fauna der Insel. Viele Zierpflanzen wurden im Laufe der Jahrhunderte eingeführt und fanden ideale Bedingungen. So gibt es zahlreiche Palmenarten, Kakteen, Johannisbrotbäume, Aleppo-Pinien und üppigste Bouganvillea, wilde Orchideen, Rosen, Gladiolen und Ginster, duftende Kräuter wie Rosmarin, Thymian und Minze. 135 Vogelarten finden sich auf Capri. Eine Besonderheit ist die Blaue Eidechse, die nur auf dem äußersten Faraglione-Felsen lebt. Zurück zur Übersicht |