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Ach, die vielen traurigen Gesichter...: Botticelli in Frankfurt
Fünf Uhr nachmittags. Die Schlange windet sich kurvenreich von der Seitenstraße rechts um die Ecke zum Museumsufer, am Zaun entlang, in den Garten hinein – nur noch wenige Schritte bis zum Ticketcontainer!
Über der wartenden Menge steigen Wortfetzen in die Luft wie Sprechblasen: „Weißt du noch, Tutanchamun?“, oder: „Neulich bei Monet…“ Man kennt sich aus in der Szene und bleibt geduldig. Nur ein mitgebrachter Ehemann in schwarzer Motorradjacke fängt an zu nörgeln: „Wenn ich das gewusst hätte… Du, da hab ich ja so gar keine Lust zu.“
Eine Ente vom nahe gelegenen Main sorgt kurzzeitig für Unterhaltung. Sie hat sich auf dem Dach des altehrwürdigen Staedelschen Kunstinstituts niedergelassen, milde beschienen von einem frühen Mond, und quakt aus Leibeskräften. Das heißt wohl: „Komm rauf, hier oben hast du eine sagenhafte Aussicht“, denn bald darauf landet flügelschlagend eine zweite Ente auf dem Dach.
Nach weiteren Wartezeiten, an der Garderobe, bei der Ausgabe der Audio-Guides, in der Blockabfertigung kurz vor dem Ziel, empfängt sie uns endlich, die schöne Simonetta. Doch schenkt sie ihren Bewunderern kein huldvolles Lächeln; vielmehr blicken die hellbraunen Augen in diesem Profilbildnis in eine unbestimmte Ferne. Simonetta Vespucci, die tugendhafte Geliebte des Giuliano de Medici. Botticelli malte sie idealisiert als Nymphe, mit hoher Stirn, langem Hals und blassem Teint, den Schönheitsidealen der Renaissance. Die Perlenreihen in ihrem üppigen, phantasievoll gestalteten Haar sehen so plastisch aus, dass der Betrachter versucht ist, sie anzufassen.
Wer war das eigentlich, dieser Sandro Botticelli, der, 500 Jahre nach seinem Tod im Jahr 1510, schon über 335.000 Besucher in die Ausstellung des Frankfurter Städel-Museums gezogen hat? Geboren wurde er um 1444/45 in Florenz, und eigentlich hieß er Alessandro di Mariano Filipepi. Den Spitznamen Botticelli, von Botticella = kleines Fass, hatte ein älterer Bruder sich eingehandelt, und der Name übertrug sich schnell auf die ganze Familie.
Nach einer ersten Ausbildung als Goldschmied begann Botticelli eine Lehre als Maler bei dem bekannten Künstler Fra Filippo Lippi. Um 1470 eröffnete er dann seine eigene Malerwerkstatt und konnte die einflussreichste Familie von Florenz, die Medici, als Hauptauftraggeber gewinnen. Die Medici, Gründer des modernen Bankwesens, bestimmten mit ihrem Geld und ihrer Macht die Politik der Stadt.
Lorenzo de’ Medici beauftragte den Meister, ein Porträt von seinem Bruder Giuliano, dem erwähnten Liebhaber, anzufertigen. Dieser hängt ganz in der Nähe seiner Geliebten, ein junger Mann mit dichtem schwarzen Haar, einer wächsernen Blässe, fast geschlossenen Augen und einem merkwürdig unbewegten Gesichtsausdruck.
„Der ist ja schon tot!“, sagt der mitgebrachte Ehemann aus der Warteschlange enttäuscht und nimmt seinen Audio-Guide vom Ohr.
„Na und“, erwidert seine Frau, eine dünne Rothaarige, unbeeindruckt, „von den anderen lebt doch jetzt auch keiner mehr.“
Dieses Bild ist tatsächlich erst nach Giulianos Tod entstanden: er war einem politischen Attentat zum Opfer gefallen. Links vorne sieht man, unauffällig und fast mit dem Porträtierten verschmelzend, eine Turteltaube, damals das Symbol der Treue und der untröstlichen Trauer. Das 15. Jahrhundert, die Epoche der Frührenaissance, war für Florenz nicht nur eine Blütezeit von Kunst und Kultur, vielmehr spielten sich gleichzeitig heftige Machtkämpfe und Intrigen ab, unter eifriger Beteiligung der Medici.
Das wohl berühmteste Bild Botticellis, „Die Geburt der Venus (die Schaumgeborene)“, sucht man in der Ausstellung leider vergebens. Die Venus hat es vorgezogen, in den Uffizien in Florenz zu verbleiben und stattdessen eine Stellvertreterin geschickt, die hier in Frankfurt um einiges bescheidener auftritt: ohne Begleiter und ohne Muschel, nur mit einem schwarzen Hintergrund. Mit schief gelegtem Kopf schaut sie melancholisch und leicht resigniert aus dem Rahmen, als wolle sie sagen: Na gut, dann hänge ich eben hier… Dieser Frauenakt bedeutete in der Renaissance ein Novum, denn es war das erste Mal seit der Antike, dass eine nackte Frau dargestellt wurde ohne religiösen Hintergrund.
Es sind immer wieder die Gesichter, die faszinieren. Der Jüngling in dem frühesten, noch erhaltenen Porträt blickt uns herausfordernd und von oben herab an. Auf seinen dunklen Locken hat er ein Ende seines braunen Samtschals drapiert. Es heißt, das Bild sollte ein Abschiedsgeschenk sein – aber hätte der junge Mann nicht wenigstens bei der Gelegenheit einmal lächeln können?
Am Ende des Raumes erwartet uns – in Lebensgröße – Minerva, die Göttin der Weisheit, mit dem Kentauren. Sie ist mit Schild und Hellebarde bewaffnet und hält den Pferdemenschen, der in der Antike Wildheit, Gewalt und sexuelle Begierde verkörperte, am Schopf, hat ihn gebändigt. Glücklich scheint sie darüber nicht zu sein. Und er? Er schaut so gequält, als wolle er gleich in Tränen ausbrechen. Am liebsten würde man ihm einen Klaps auf seinen Pferdehintern geben und sagen: Na komm, dann lauf…
Das Ehepaar, nennen wir es einfach mal Max und Hilde, ist inzwischen im zweiten Teil der Ausstellung angelangt. Nach „Bildnis und Mythos“ folgt nun „Andacht“. Strahlten die Gesichter im ersten Teil überwiegend Melancholie aus, so haben wir es nun mit einer mittelschweren Traurigkeit zu tun.
„Oh Mann“, stöhnt Max, „wieso lacht denn hier keiner? Das zieht mich ja total runter.“
„Die hatten damals wohl nix zu lachen“, mutmaßt Hilde.
Zur Zeit der Renaissance waren Madonnenbilder selbstverständliche Einrichtungsgegenstände für die Andacht zu Hause. Und so hat auch Botticelli zahlreiche Mariendarstellungen für die Häuser der Reichen geschaffen. An zentraler Stelle hängt ein großes Fresco, „Die Verkündigung“. Der Engel Gabriel kommt von links durch die Tür geflogen, um Maria, die rechts demutsvoll unter einem Baldachin verharrt, den Plan Gottes zu verkünden. Die Botschaft erreicht sie mittels feiner goldener Strahlen. „Okay, ich sag’s ihr“, wird Gabriel seinem Auftraggeber mitgeteilt haben, „und jetzt: beam me over!“
In wunderschönen Farben gehalten ist das Bild „Anbetung des Kindes“. Es zeigt Maria, wie sie sich betend und mit niedergeschlagenen Augen über ihren schlafenden Sohn beugt. Ihr Kleid ist rosa, ihr Umhang nachtblau. Ihr schönes, trauriges Gesicht deutet darauf hin, dass sie das zukünftige Leid schon ahnt. Links prangt ein Rosenstrauch mit rosafarbenen Blüten, aber ohne Dornen – ein Hinweis auf die unbefleckte Empfängnis. Die unauffälligen Veilchen unten im Bild sind ein Sinnbild für die Demut, die Erdbeeren, gleichzeitig blühend und Früchte tragend, stehen für die Menschwerdung Gottes. Ein ruhiges Bild, das mit seinem Ausdruck von Hingabe und Trauer berührt. Selbst Max und Hilde sagen keinen Ton und lauschen nur still in ihre Audio-Guides.
Eine weitere Anbetungsszene ist als Rundbild, „Tondo“, gestaltet. Die Szene spielt im Stall zu Bethlehem, und Maria und Josef beugen sich über ihren Sohn. Das Jesuskind schläft – ein Hinweis auf den späteren Todesschlaf. Die Hirten mit den traurigen Gesichtern, rechts im Bild, bringen ein Lamm und verweisen damit auf den Opfertod. Links im Hintergrund sehen wir die Flucht der heiligen Familie nach Ägypten.
„Traurige Geschichten“, seufzt Max.
„Aber einträglich“, erwidert Hilde, „damit hat der Botticelli doch ordentlich Kohle gemacht.“
Tatsächlich war der Meister mit seinen Rundbildern sehr erfolgreich. Über dreißig solcher Gemälde, die aus seiner Werkstatt stammen, sind erhalten.
Max und Hilde haben genug gesehen. Hilde kauft noch schnell ein Ausstellungsplakat, dann treten die beiden hinaus in den milden Spätwinterabend und machen sich auf die Suche nach einem geeigneten Lokal, wo sie sich von Botticelli und seinen betrübten Gesichtern erholen können.
Gunhild Hexamer
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